Before and after Corona – Wie sich das Leben in der Stadt ändern könnte

Hot town, summer in the city
Back of my neck getting dirty and gritty
Been down, isn’t it a pity
Doesn’t seem to be a shadow in the city

All around, people looking half dead
Walking on the sidewalk, hotter than a match head

But at night it’s a different world
Go out and find a girl
Come-on come-on and dance all night
Despite the heat it’ll be alright

Der Songtext eines beliebten Evergreens illustriert sehr schön den Kern der Analyse des berühmten Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre. Das Leben in der Stadt kann ebenso so nervig wie anregend sein. Was genau zieht uns in die Städte?

Es sind unter anderem die Sinneswahrnehmungen, die viele uns in die Städte locken: Mehr oder weniger exotische Speisen aus dem Straßenverkauf, frische Waren auf dem Wochenmarkt, die Straßenmusiker, die Livemusik aus den Clubs - last not least schmücken sich viele Städte mit Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen. Sie verjüngen Städte – nicht nur demographisch. Selbst das Leben in kleinen und kleinsten Städten fühlt sich international und klug an. Hier ist man praktisch nie allein: An eher trüben Arbeiten kann man sich die Zeit vertreiben, indem man an einem zentralen Ort der Innenstadt einfach rumsteht und so mancher Abend hat auf diese Art noch eine ungeahnte Wendung erfahren. Lebenschancen, die man nicht an allen Orten findet. Im Anschluss an Henri Lefebvre spricht man von einem „Recht auf Stadt“. Die Stadt hat ein utopisches Potenzial. Die urbane Lebenswelt verspricht Wohlstand und Kreativität - diese Ressourcen Lebenswelt sollten allen Menschen offen stehen. Das Recht auf Stadt wird gegenwärtig unter anderem von der UNESCO unterstützt. Das impliziert unter anderem auch die politische Forderung, dass Wohnraum in den Innenstädten auch mit dem Einkommen eines durchschnittlichen Arbeitnehmers zu bezahlen ist. Wir halten fest, die pulsierende Atmosphäre in den Großstädten ist ein Wert für sich.

Über einige eher triste Mittelstädte in der Provinz kursiert gar das Gerücht, dass sie in der Nachkriegszeit die falsche Entscheidung getroffen hätten, eine JVA und nicht eine Hochschule in ihren Ort zu holen, mit der Begründung für eine JVA bestünde immer Bedarf, anders als die unbeständigen und zyklischen Studierendenzahlen. Diese eher konservativen Annahmen – auch wenn es nur Gerüchte sind – werden gewohnheitsmäßig der Lächerlichkeit Preis gegeben. Bis jetzt:

Die Schattenseiten des Lebens in den Städten sind altbekannt. Lärm, Kriminalität und Dreck. Letzteres bekommt in der Covid-19 Pandemie eine besondere Bedeutung. Für Nicht-Mediziner oder Mikrobiologen ist das Risiko einer Infektion mehr oder weniger unkalkulierbar. Fahrten in der Bahn oder der Besuch von Orten, die viele andere Menschen aufsuchen, werden meistens gemieden. Clubs, Konzerte und andere städtische Vergnügungen sind ebenfalls geschlossen. Die Schattenseiten des Lebens in der Stadt scheinen nun zu überwiegen.

Die FDP-Nachwuchspolitikerin Katja Suding sorgte vor einiger Zeit mit einem Tweet für Kritik:

„Was ist das Leben wert, wenn wir uns die Freiheit zu leben nehmen lassen?“

Es ist viel Kritisches zu diesem Tweet gesagt worden, was an dieser Stelle nicht ausführlich vorgetragen werden soll, aber bemerkenswert sind einige Implikationen dieser Aussage: Das gute Leben wird vor allem auf die Konsum- und Individualisierungschancen gelegt, die eine junge und zahlungskräftige Klientel in die Städte locken. Ob es überzeugt, das gute Leben darauf zu reduzieren, sei dahingestellt. Festzuhalten ist: der Mehrwert des Lebens in einer urbanen Lebenswelt ist momentan sehr eingeschränkt. Das Leben in den Cafés und Clubs sowie die Vielzahl möglicher Kontakte in alltäglichen Kontakten werden nun plötzlich unerwünscht und gefährlich.

Weiter kann gefragt werden, was das Großstadtleben mit seinen Bewohnern macht: Georg Simmel hat sehr schön beschrieben, dass der Großstädter durch die Vielzahl an Eindrücken „blassiert“, d.h. abgestumpft wird. Man begegnet seinen Mitmenschen gleichgültig, oder auch mit einer gewissen Aversion. Diese Tugenden des Städters sind in einer Zeit, in der Solidarität und Achtsamkeit gefragt sind, eher schädlich. Ein beliebtes Motiv, vom Land in die Stadt zu ziehen, sind weniger soziale Kontrolle und mehr Individualisierungschancen. In der aktuellen Situation ist der Mehrwert eines städtischen Quartiers nicht mehr in diesem Maße gegeben. Das Leben verläuft nun auch in der Stadt in geordneten Bahnen.

Schon vor der auferlegten Isolation verrichteten viele Arbeitnehmer ihre Aufgaben im Home Office. Die Tendenz ist steigend. Anders als bei klassischen Arbeitsverhältnissen ist eine Anwesenheit an einem bestimmten Ort nicht mehr nötig. Nach den Auflagen der Kontaktsperre wird sich die Frage stellen, ob und wenn ja warum eine physische Anwesenheit aller Arbeitnehmer notwendig ist. Ein Vorzug des Stadtlebens war das Uni-Leben. Auch das Leben an den Hochschulen wird sich im Zuge der Pandemie weiter mit Methoden des E-Learnings arrangieren. Es ist ein anderes Leben in den Uni-Viertel der Städte zu erwarten, wenn die Uni als ein Ort , den man besucht, um Gleichgesinnte zu treffen, ausfällt. Vormals belebte Orte sind nun leer, das gleiche gilt für den öffentlichen Nahverkehr, es herrscht kein geschäftiges Treiben in diversen Einrichtungen in der Stadt. Geschäftsstraßen wirken angesichts dieser Leere geradezu gespenstisch. Was bedeutet das nun für das Zusammenleben in der Stadt? Eine mögliche Konsequenz wäre nun die Aufwertung von Vororten und Quartieren am Stadtrand.

Mehr noch. Es hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt, dass sich in der Krise gerade auch die Strukturen des ländlichen Raumes bewähren. Es wurde darauf hingewiesen, dass die flächendeckende Versorgung mit Kliniken im ländlichen Raum – so genannter Kreiskrankenhäuser – einen Grund für den bislang glimpflichen Verlauf der Corona Pandemie darstellen. Diese wurden in den letzten Jahren zumeist weg gespart, was zumeist für große Empörung in den jeweiligen Regionen sorgt, denn mit den Krankenhäusern geht auch ein Stück Lebensqualität im ländlichen Raum. Die Abgeschiedenheit einiger ländlicher Quartiere ist nicht nur durch Abgeschiedenheit ein Standortvorteil, sondern die Kontaktsperre bringt auch eine geringere Gefahr der Infektion. Man kennt sich und unterstützt sich gegenseitig. Bei günstiger Verkehrsanbindung ist man aus manchem Vorort schneller in den Innenstädten als man es von manchem Szenestadtteil ist. Die Erkenntnis, dass man auf dem Land auch noch günstiger lebt, und durch günstigere Mieten auch mehr Geld für andere Dinge zur Verfügung hat, lässt uns die Frage nach dem guten Leben noch dringlicher auf eine neue Art stellen.

Die notwendigen Auflagen und Schutzmaßnahmen, um die Verbreitung des Covid-19 Pandemie zu verlangsamen, verändern das Gesicht der Städte. Eine mögliche Folge der Corona-Krise wird eine Neubewertung unseres Verständnisses von Stadt und Land sein. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Auflagen in den nächsten Monaten ändern würden, insbesondere wenn einige Prognosen von einem Andauern der Pandemie bis zum Jahr 2022 ausgehen, wird sich das soziale Zusammenleben deutlich ändern. Es wurde an verschiedener Stelle darauf hingewiesen, dass es ein Leben BC und AC – „before“ and „after“ Corona geben würde. Das Leben in der Großstadt wird sich eindeutig durch die Corona-Krise verändern.