Please: True Content!

Für mich ist die Corona-Pandemie ein harter, aber ehrlicher Lehrmeister: Es heißt, Kriege machen ehrlich. Das trifft auch auf Krisen zu. Nachdem uns die WHO und viele Politiker nicht die volle Wahrheit gesagt haben, sickern die „True Stories“ langsam durch. Im Social-Media-Minutentakt jagen Gegendarstellungen durchs Web, manche ehrlich, manche spekulativ, manche etwas spinnert. Gleichzeitig verschwinden Beiträge plötzlich auf Facebook und Co. Verschwörungstheorie? Ich habe es live und in Farbe bei einem kritischen Beitrag über Bill Gates und seine Rolle bei der WHO selbst erlebt. Die Folgen sind frappant: Der Frust der Weltgemeinde wächst, keiner traut mehr dem anderen, es entstehen Corona-Glaubensgemeinschaften, die sich gegenseitig bekämpfen. Schmerzhaft erleben Politiker, dass das häppchenweise Verbreiten und Zurückhalten von Wahrheiten sich irgendwann rächt – im harmlosesten Fall bei der nächsten Wahl. Bewusst verwende ich hier den Begriff Wahrheiten. Daher mein Appell als Journalist an die Insider in der Politik, den Medien und vor allem in der Wissenschaft: Halten Sie sich vorbehaltlos an das Motto des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein „Sagen, was ist.“

Dazu zählt aber auch, dass andere Meinungen und Kritik nicht verschwiegen werden – auch wenn sie nach Verschwörungstheorie, Spinnerei und Propaganda klingen. Doch in vielen Botschaften steckt stets ein Quäntchen Wahrheit. So sagte mir meine Großmutter: „Hör auf den Narren, denn auch er hat seine Botschaft!“ Und außerdem: Wir sind erwachsen genug, uns selbst einen Reim zu machen bei den Botschaften aus dem Netz. Darin sind wir dank dem monatelangen Wort-Wechselbad, das Politiker und Wissenschaftler über uns ausschütten, gut geschult. Daher auch meine Bitte an Facebook und Co.: Gelöscht gehören zum Beispiel rassistische, beleidigende, sexistische und zu Gewalt aufrufende Botschaften. Aber nicht die Meinungen von Andersdenkenden.

Doch wie wirkt sich das alle auf die Zeit nach Corona aus – etwa auf mein Arbeitsgebiet, also auf den Journalismus und das PR-Texten? Ich bin mir sicher, dass die Menschen weltweit einen neuen Sinn dafür erhalten, wer ihnen reinen Wein einschenkt und wer nicht. Botschaften, die nicht vorbehaltlos ehrlich sind, kommen nicht mehr an – sei es als journalistischer Artikel, sei es aber auch als PR-Text. Für mich sind Pressemenschen nicht mehr glaubhaft, die kritiklos das verbreiten, was von den PR-Abteilungen der Wissenschaft und Politik kommt. Aber auch PR-Leute sollten umdenken: Momentan lernen alle, sehr viel genauer hinzuhören und zu sehen, was da aus Instituten und Parlamenten so tagtäglich auf sie einströmt. Und diese Menschen können Wahrheiten vertragen, auch wenn sie schmerzhaft sind. Doch sie fühlen und spüren sofort, wenn da jemand statt Öffentlichkeitsarbeit Propaganda betreibt – erstaunlicherweise können das sogenannte demokratische Länder mittlerweile genauso gut wie Diktaturen.

Wie man es gut macht, demonstrieren ihnen jetzt schon manche Firmen, die auf eine sehr ehrliche Form der PR setzen. Ich erhalte viele Pressemeldungen, in denen vorbehaltlos die Lage des Unternehmens geschildert wird und wie es mit der Krise umgeht. Die PR-Botschaften verharmlosen nicht, sie übertreiben nicht, sie schüren keine Panik. Sie halten sich an Rudolf Augstein: Sagen, was ist. So erhielt ich von einem Kunden den Auftrag ein White Paper über eine Technologie zu schreiben, mit der er Geld verdient. Im Beitrag kommt ein Professor zu Wort, der die Ablösung dieser Technologie durch eine neue vorhersagt. Angesprochen auf diese ja eigentlich in einem PR-Text geschäftsschädigende Ansicht hörte ich nur: Ja, lassen Sie das drin! Und die Bereitschaft zu dieser neuen Form von True Stories nimmt zu. Daher erneut mein Appell an alle Wortbotschafter – ob in der Politik, den Medien, der Wissenschaft oder der Wirtschaft: True content, please!