Menü
Kontakt

Expert Statement: Liselotte Hermes da Fonseca


„Standen wir vor kurzem noch bei der Wahl der ‚richtigen‘ Lebensmittel unentschieden vor den prall gefüllten Regalen, zeigt sich heute ein anderes Bild. Dort, wo zuvor die sogenannten ungesunden und ökologisch bedenklichen Produkte standen, herrscht gähnende Leere. Es geht nicht mehr um gesundes Essen, sondern um überlebensnotwendiges Essen“

Lebensmittel in der Coronakrise: von der (gesunden) Ernährung zur (notwendigen) Nahrung

Ernährung ist basal, überlebenswichtig – und vielleicht hört bei Hunger jedwede Solidarität auf. Nahrungsmangel treibt Menschen an ihre Lebensgrenzen und somit auch an die Grenzen ihrer Mitmenschen. Angesichts der Debatten zum Thema Ernährung und Lebensmittel der letzten Jahrzehnte mutet ein solches Bild von hungernden Menschen allerdings eher überholt und barbarisch an. Lebensmittel stehen (oder standen?) darin vielmehr unter dem beständigen Fokus einer zu optimierenden Gesundheit und nicht des unmittelbaren Überlebens. Von der WHO als globales Menschenrecht beschrieben, erscheint Gesundheit als etwas naturgegebenes und als universeller Wunsch aller Menschen. Zugleich aber auch als Verantwortung, für uns selbst und für die (globale) Gesellschaft, die durch hohe Kosten für das Gesundheitssystem leide. Um verantwortungsvoll mit uns und unserer Gesellschaft umzugehen, müssten wir entsprechend darüber informiert sein, was gesund sei – und dies ganz besonders bezüglich der Ernährung.

Zwischen sogenannten „gefährlichen“, „ungesunden“, ja „ekligen“ Lebensmitteln, dem „Trashfood“, den zu Bergen aufgetürmten Lebensmitteln auf Müllhalden und den von Chefköchen und Laien zu Kunstwerken angerichteten Speisen in unzähligen Publikationen und Fernsehsendungen, zwischen Ernährung als Philosophie, zu schützendes Kulturgut mit gemeinschaftsbildendem Potential, der gesellschaftspolitischen Verantwortung für die Gesundheit und dem fast biblischen Schuldgefühl, das falsche gegessen zu haben, ist die Orientierung bezüglich des Überlebensnotwendigsten allerdings kaum möglich. Jeder erdenkliche Aspekt der Lebensmittel wird – besonders in Bezug auf unsere Gesundheit – skandalisiert und verlangt nach noch mehr Informationen, um sich „richtig“ zu entscheiden: ein sich selbst in Gang haltender Kreislauf von Wissen und Informationsbedarf bezüglich dessen, was gesund sein soll.

Von dieser jahrelangen, unüberschaubaren Flut an öffentlichen Debatten über Lebensmittel (den Skandalen, Gesundheitsgefahren, Nachhaltigkeitsdebatten oder auch einfach den vielen Ernährungstrends) ist zurzeit allerdings kaum noch etwas zu hören. Einige Stimmen meinen aber, angesichts der für die Gesundheit unmittelbar lebensgefährlichen Bedrohung, einen klareren und bedachteren Umgang mit Lebensmitteln zu erkennen.

Standen wir vor kurzem noch bei der Wahl der richtigen Lebensmittel unentschieden vor den prall gefüllten Regalen, zeigt sich heute ein anderes Bild. Dort, wo zuvor die sogenannten ungesunden und ökologisch bedenklichen Produkte standen, herrscht gähnende Leere: Zucker, Mehl, Nudeln jeder Art, Dosen, Eingemachtes und Fertiggerichte – alles weg, obwohl dazu aufgefordert wurde, sich „solidarisch“ zu verhalten und nur die übliche Menge einzukaufen.

Demnach hat sich der Fokus verschoben: von der selbstverständlichen Überfülle der Lebensmittel mit ihrer umstrittenen gesundheitlichen Selbstverständlichkeit auf die ‚klare‘ Frage nach ihrem Vorhandensein zum Überleben. Es geht nicht mehr um gesundes Essen, sondern um überlebensnotwendiges Essen – in einer Situation, in der die Gesundheit lebensgefährlich bedroht werde. Hunger war bisher nicht mehr wirklich präsent (und das heißt nicht, dass es ihn nicht gibt), die Gesundheit dafür umso mehr. Als Menschenrecht deklariert, ist im Namen der Gesundheit entsprechend vieles möglich. Jedes Mittel könnte recht erscheinen, um sie zu schützen, so einige Kritiker, die auch von „Gesundheitsdiktatur“ sprechen. – Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang allerdings die ganz selbstverständliche Einführung der fast beschwörenden Redewendung am Ende eines jeden Briefes: „Bleiben Sie gesund“ statt „liebe Grüße“.

So mögen wir bezüglich der Verfügbarkeit der Lebensmittel eine Selbstverständlichkeit entwickelt haben, die nun in Frage steht. Doch auch die Gesundheit hat eine neue Rolle bekommen. Es geht nicht mehr ‚nur‘ um ihre Optimierung, sondern um Überleben. Angesichts der Rede von einer „Hungerpandemie von biblischem Ausmaß“ werden Lebensmittel wieder als überlebensnotwendig deutlich, und erscheinen nicht mehr als Mittel, um gesund zu bleiben. Bei Hunger fragt man nicht mehr, ob das Essen gesund ist. Ein Aspekt, der in der Informations- und Essensflut aus dem Blick geraten zu sein scheint.

Damit soll keine Lobeshymne auf die Krise angestimmt werden, wie sie zurzeit immer wieder zu hören ist. Die vielen Reden von der „großen Chance“ angesichts der Krisensituation wirken angesichts des Leids (ob durch den Virus oder durch die Auswirkungen) zynisch. Wir würden das Essen wieder wertschätzen, weniger wegwerfen – ein bedachterer und bewussterer Umgang mitten in der Krise? Bezüglich der Hamsterkäufe sind eher höhnende Töne zu hören. Damit aber wird etwas wesentliches verkannt: Wenn es um Lebensmittelknappheit geht, geht es auch um Überlebensängste. Hieß es vor der Krise noch „so kann es nicht weitergehen“, ertönt jetzt der Ruf nach „zurück zur Normalität“ – wenn auch zur „neuen Normalität“. Die Hoffnung nach einer neuen, besseren Welt nach der Krise? Solche Argumente folgen einer Logik der Krise als Ausweg und nehmen damit die Ängste und das Leid zwecks einer besseren Welt in Kauf.

Es wäre in der Tat schön, wenn die Versorgung aller Menschen mit Lebensmitteln und Gesundheit Normalität wäre. Angesichts unseres Umgangs mit Lebensmitteln und Gesundheit sollte aber dringend gefragt werden, welche Normalität (auch die Neue) das sein könnte. Gesundheit und Ernährung als Verhältnis der Optimierung droht die Notwendigkeit von Essen und die Lebensgefahr durch ihr Fehlen zu vergessen. Gesundheit, die durch Lebensmittelknappheit lebensgefährlich bedroht wird, ist keine Option. Vielmehr sollten die Grenzen und Verhältnisse zwischen Ernährung, Gesundheit, Überleben und Solidarität neu ausformuliert werden.


Die Aussagen spiegeln die Meinung der jeweiligen Autor:innen wider. Wir möchten Stimmen aus unterschiedlichen Disziplinen und Wissensbereichen eine Plattform bieten. Ihr wollt mitmachen? Dann meldet Euch bei uns! Wir freuen uns darauf, Eure Expertise und Eure Statements zu prüfen und setzen uns bei Interesse mit Euch in Verbindung.

Unsere #expertstatements auf Social Media


Dieses #expertstatement erscheint Ihnen relevant?


Anja Mutschler

Anja Mutschler

Inhaberin

Anja Mutschler ist Ihre Ansprechpartnerin und vermittelt Medien oder Kunden gerne weiter. Telefonisch erreichen Sie sie direkt unter 0173-6174281 oder per E-Mail an am@nimirum.info

Rückruftermin oder Buchungsanfrage
Zurück zur Übersicht