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Expert Statement: Dr. Mona Nikolić


„In Lateinamerika verschärfen sich soziale Ungleichheiten und die Gesundheitskrise gegenseitig, auch weil Anti-Corona-Maßnahmen die soziale Realität der Bevölkerung nicht anerkennen. Die Krise legt die bestehenden Ungleichheiten offen und macht die Notwendigkeit struktureller Reformen deutlich.“ - Eines unserer #expertstatements von Dr. Mona Nikolić.

Während die Infektionszahlen in Europa zurückgehen, entwickelt sich Lateinamerika immer stärker zu einem Epizentrum der aktuellen Covid-19-Pandemie. Nach den USA verzeichnet Brasilien die zweithöchsten Zahlen an SARS-CoV-2-Infektionen und Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19. Am Samstag (20.06.2020) wurde nach offiziellen Angaben des brasilianischen Gesundheitsministeriums die 1-Million-Marke an Infektionen überschritten. Bis Mittwoch (24.06.2020) hatten sich nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität 1.145.906 mit SARS-CoV-2 infiziert, die Zahl der Toten lag bei 52.645. Auch Peru (260.810 Infektionen, 8.404 Todesfälle, nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität vom 24.06.2020), Chile (250.767 Infektionen, 4.505 Todesfälle) und Mexiko (191.410 Infektionen, 23.377 Todesfälle) zählen inzwischen zu den Ländern mit den meisten Infektionen weltweit. Und das, obwohl meist wenig getestet wird und die offiziellen Zahlen nur einen Bruchteil der eigentlichen Todesfälle und Ansteckungen widerspiegeln.

Die Frage nach den Gründen, warum sich viele Staaten Lateinamerikas zu neuen Hotspots der Pandemie entwickeln, lässt sich angesichts der Diversität nicht verallgemeinernd beantworten, auch wenn es einige Gemeinsamkeiten gibt. Was das Beispiel Lateinamerika jedoch vor allem deutlich macht, ist die Relevanz des Faktors „soziale Ungleichheiten“ für die Ausbreitung der Pandemie: Es zeigt, wie sich soziale Ungleichheiten und die Gesundheitskrise wechselseitig verschärfen, wenn bei Maßnahmen gegen die Pandemie den sozialen Ungleichheiten nicht Rechnung getragen und die soziale Realität der Bevölkerungen nicht berücksichtigt wird. Und es veranschaulicht die Notwendigkeit struktureller Reformen zur Bekämpfung der Ungleichheiten, damit die Staaten für zukünftige Pandemien besser gewappnet sind.

Lateinamerika ist wie keine andere Region weltweit durch soziale Ungleichheit geprägt. Armut, Gewalt, Machismo, Mangelernährung, eine Zwei-Klassenmedizin, eine hohe Anzahl an informell Beschäftigten, schlechte Regierungsführung und soziale und politische Konflikte beherrschten schon vor der Corona-Krise das Leben eines Großteils der Menschen auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Die Pandemie legt die bestehenden Ungleichheiten nun offen.

Bezeichnenderweise begann die Pandemie in Ländern wie Brasilien oder Chile als eine Pandemie der „Reichen“ und des „Jetsets“. Die ersten Infektionen wurden bei Angehörigen der sozialen Oberschicht festgestellt, die zuvor in Europa Urlaub gemacht hatten. Die ersten Todesopfer waren deren Hausangestellte, die sich aufgrund mangelnder Schutzmaßnahmen im Haushalt angesteckt hatten. Und das Virus breitete sich in den Armenvierteln aus.

Auch in Lateinamerika ist die Covid-19-Pandemie aktuell v.a. eine Krise der Armen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Verschärft wird die Gesundheitskrise in Lateinamerika dabei auch durch Lockdown-Maßnahmen, die den sozialen Ungleichheiten und der Lebensrealität der Mehrheit der Bevölkerung nicht Rechnung tragen. Sie gefährden die Einhaltung und den Erfolg der Anti-Corona-Maßnahmen. Denn besonders für die sozialbenachteiligten Bevölkerungen in Lateinamerika stellen aktuell oft nicht nur das Virus, sondern auch die Lockdown-Maßnahmen eine Gefahr dar. Frauenorganisationen warnten z.B. schon vor Beginn der Ausgangssperren vor einem Anstieg häuslicher Gewalt und an Frauenmorden.

Besonders Beschäftigte aus dem Informellen Sektor, je nach Staat bis zu 70% der Beschäftigten, stehen nach dem Lockdown ohne Einkommen und ohne jegliche Absicherung da. Hilfsprogramme der Regierungen sind unzureichend und/oder kommen nicht an. Um die Ernährung und Versorgung ihrer Familien zu sichern, bleibt vielen Menschen letztendlich keine andere Wahl, als gegen Lockdown-Maßnahmen und Ausgangssperren zu verstoßen und, falls möglich, wieder arbeiten zu gehen. Und wenn zudem die offizielle Kommunikation über die Gefahr des Virus Verwirrung stiftet (wie in Brasilien und Mexiko), erscheint die Gefahr einer Ansteckung als das, im Vergleich zu Lockdown und Hunger, geringere Übel. Gleichzeitig warnten Frauenorganisationen z.B. schon vor Beginn der Ausgangssperren vor einem Anstieg häuslicher Gewalt und an Frauenmorden. Im Kontext Lateinamerika wird deutlich, dass Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sich nicht auf die reine Einschränkung des Infektionsgeschehens beschränken dürfen. Sie müssen die sozialen Ungleichheiten berücksichtigen und die Folgen der Pandemie sowie des Lockdowns für die Bevölkerung mitbedenken, um erfolgreich zu sein. Lockdown-Maßnahmen, die die soziale Wirklichkeit außer Acht lassen, können ebenso wie das Virus eine Gefahr für das Überleben der Bevölkerung darstellen. Sie verschärfen die Ungleichheiten und die sozialen und politischen Krisen.

Schon jetzt zeichnen sich diese Verschärfungen durch die Pandemie in Lateinamerika ab:

In vielen Staaten Lateinamerikas werden nun Rufe nach strukturellen Reformen lauter. Die Pandemie könnte zu einer Chance werden, Maßnahmen umzusetzen, die die soziale Ungleichheit, die Informalität und auch die infrastrukturellen Probleme angehen. So könnten die Folgen der Pandemie abgeschwächt werden und den Staaten wäre es möglich, einer Pandemie in Zukunft effektiver zu begegnen. Inwieweit Regierungen willens und fähig sind, diese Maßnahmen umzusetzen ist jedoch fraglich.

Eine ausführliche Version dieses Statements mit den Entwicklungen in den einzelnen Ländern Lateinamerikas ist in unseren Insights erschienen.


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Anja Mutschler

Anja Mutschler

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