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Pflanzlicher Fleischersatz – Potential für die Lebensmittelwirtschaft
#124 4/01/2017 Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten.

Vegetarischer Schinkenspicker? Es gibt immer mehr Menschen, die auf Fleisch verzichten wollen ohne auf Fleisch zu verzichten. Die WHO-Meldung zur krebserregenden Wurst zeigt, dass dies der richtige Schritt ist. Die wichtigsten Zahlen und Fakten zu Vegan, Vegetarisch, Flexitarisch und allem dazwischen von der Expertin Melanie Kirk-Mechtel aus unserem NIMIRUM-Netzwerk.

Anzahl der Vegetarier und Veganer in Deutschland

Aktuell ernähren sich in Deutschland knapp acht Millionen Menschen vegetarisch, so die Angaben des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU). Das sind rund 10% der Bevölkerung. Hinzu kommt fast eine Million Veganer. Diese Zahlen werden von Kritikern zwar häufig angezweifelt, Ergebnisse des Markt- und Meinungsforschungsinstitutes YouGov bestätigen jedoch die Einschätzung des VEBU. Wie erst gestern zu lesen war aus gutem Grund: laut WHO ist verarbeitetes Fleisch wie Wurst krebserregend!

Im Jahr 2012 waren es noch rund 9% Vegetarier und rund 700.000 Veganer. Vor 30 Jahren lag der Anteil der Vegetarier an der deutschen Gesamtbevölkerung bei unter einem Prozent.

Interessant: In der YouGov-Studie „Wer will's schon vegan?“ gab ein beträchtlicher Anteil der Vegetarier und Veganer an, nicht ganz konsequent bei der jeweiligen Ernährungsweise zu sein. Die Zahl der konsequenten Veganer und Vegetarier liege demnach in Deutschland bei 0,7 bzw. 4,3%.

Flexitarier

Wie die letztgenannte Umfrage zeigt, kommt es auch bei Vegetariern und Veganern vor, dass sie ab und zu Fleisch, Fisch oder andere tierische Lebensmittel essen. Hinzu kommt eine immer größer werdende Menge von Menschen, die ab und zu auf Fleisch verzichten. Laut einer Forsa-Studie im Auftrag des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU) gab es in Deutschland schon 2011 rund 42 Millionen Teilzeit- oder Gelegenheitsvegetarier, auch Flexitarier genannt. Dieser Gruppe wurden in der Umfrage alle Personen zugeordnet, die an mindestens drei Tagen pro Woche kein Fleisch essen.

Wissenschaftler der Universitäten Hohenheim und Göttingen kamen in ihrer Onlinebefragung von über 1.000 Menschen im Sommer 2013 auf einen Anteil der Flexitarier von 12%. Insgesamt ernährt sich laut dieser Studie rund ein Viertel der Deutschen vegan, vegetarisch, flexitarisch oder möchte in Zukunft den Fleischkonsum senken.

Wie hoch der Anteil der Flexitarier nun tatsächlich sein mag, ist nicht belegt. Sicher ist: Der Trend geht eindeutig zu einer bewussten Ernährung, in der Fleisch immer weniger eine Rolle spielt. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.

Gründe für den Fleischverzicht

In einer Studie der Universität Hamburg im Sommer 2013 wurden als häufigster Grund, auf Fleisch zu verzichten, Berichte über Massentierhaltung genannt. An zweiter Stelle wurde Klimaschutz angegeben, an dritter Stelle standen gesundheitliche Aspekte. Den Geschmack von Fleisch lehnen dabei die wenigsten grundsätzlich ab. Das gilt für Vegetarier genauso wie für Flexitarier. Daher sind Lebensmittel, die fleischhaltige Produkte imitieren, so beliebt. Gerade diejenigen Verbraucher, die aus gesundheitlichen Gründen kein Fleisch konsumieren, möchten häufig nicht auf gewohnte Geschmackserlebnisse verzichten.

Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist hier jedoch zu bedenken, dass nicht alle Fleischersatzprodukte empfehlenswert sind. Wie bei allen hoch verarbeiteten Lebensmitteln empfiehlt sich ein Blick auf die Zutatenliste, wie der Verein für unabhängige Gesundheitsberatung empfiehlt. Bei pflanzlichem Aufschnitt fällt die Bilanz von Ernährungsexperten jedoch sehr positiv aus. Der Grund: Ein hoher Eiweißgehalt bei gleichzeitig weniger Fett als in „echter“ Wurst. "Für viele Menschen sind die Wurstersatzprodukte daher nicht nur aus ethischen, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen eine sehr gute Alternative.", wird Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg in Die Welt zitiert.

Marktpotential von Fleischersatzprodukten

Während der klassische Metzger um die Ecke zurückhaltend bleibt, haben sich Handel und Industrie schon auf die neue Zielgruppe eingestellt. Selbst in Supermärkten und Discountern wird bereits eine große Palette an Wurst- und Fleischersatz angeboten. In einigen EDEKA-Märkten gibt es sogar Bedientheken für vegetarische und vegane Schnitzel, Mortadella oder Leberwurst. Bei den großen Fleischverarbeitern machte Rügenwalder vor, was vor Kurzen noch undenkbar gewesen wäre: Der vegetarische Schinkenspicker und weitere fleischlose Produkte machen bereits ein Jahr nach der Einführung einen beträchtlichen Teil des Unternehmensumsatzes aus.

Andere große Hersteller ziehen nach. Das gefällt den deutschen Verbrauchern: 57% der Teilnehmer einer Umfrage der Forschungsgruppe g/d/p im Alter unter 45 Jahren finden die Ausweitung des vegetarischen Sortiments sehr gut oder gut.

41% aller Deutschen können sich vorstellen, Wurstersatzprodukte zu kaufen und 76% würden speziell den vegetarischen Schinkenspicker (wieder) kaufen.

Wie viel Potential das neue Marktsegment hat, zeigt der sogenannte Consumer Index der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vom März 2015: Im ersten Quartal des Jahres 2015 haben 7,3 Millionen Verbraucher Fleischersatzprodukte und vegetarische Brotaufstriche gekauft. Der Umsatz stieg um 27% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im gesamten Jahr 2014 waren es noch 11,2 Millionen Käufer.

Besonders starkes Wachstum verzeichneten die Fleischersatzprodukte – und dafür können nicht nur die Veganer und Vegetarier verantwortlich sein. Vielmehr scheint die „fleischlose Bewegung“ mitten in der Gesellschaft angekommen. Die Flexitarier tragen demnach einen großen Anteil dazu bei, dass die Nachfrage nach Wurst und Fleisch jeweils um 8% zurückging.

Besonders die jüngeren Verbraucher unter vierzig sind für den „Veggie-Boom“ verantwortlich. Sie sind nicht nur leichter bereit, neue Produkte auszuprobieren, sondern sind mit Fleischersatzprodukten auch eher vertraut als ältere. Damit ist der Trend zur fleischlosen Ernährung aber keineswegs eine Jugendbewegung. Denn auch die älteren Verbraucher kaufen konstant viele vegetarische Produkte; die Jüngeren jedoch deutlich mehr als in den vergangenen Jahren.

Ausblick

Marktexperten gehen davon aus, dass sich die Zahl der konsequenten Veganer in Zukunft nur leicht erhöht, die Gruppe der Flexitarier aber weiter stark wachsen wird. Daher gibt es aktuell einen sehr großen Spielraum für die Entwicklung von neuen fleischlosen Produkten, die nicht nur ethische, umweltrelevante und gesundheitliche Verbraucherbedürfnisse erfüllen, sondern auch Genuss und Abwechslung für eine breitere Masse an Verbrauchern versprechen.

Unsere Expertin

Melanie Kirk-Mechtel ist Diplom-Oecotrophologin, Fachjournalistin und PR-Redakteurin in Sachen Ernährung. Nach dem Studium der Ernährungs- und Haushaltswissenschaft hat sie 10 Jahre in einer PR-Agentur für Kunden aus der Ernährungsbranche gearbeitet. Neben Themen rund um eine nachhaltige Ernährung liegt ihr Fokus auf der Ernährungskommunikation, speziell im Web und in den sozialen Medien.

Über NIMIRUM sagt Melanie Kirk-Mechtel: Aus der Zeit in der PR weiß ich, dass bei der Vorbereitung von (Pitch-)Präsentation selten Zeit für fundierte Recherche bleibt. Wer seine Kunden nicht nur mit kreativen Ideen, sondern auch mit guten Inhalten überzeugen möchte, der findet in NIMIRUM den perfekten Partner. Die hohe Erfolgsquote zeigt, dass Wissen wirkt: 85% aller von Nimirum mitbetreuten Pitches wurden von den Agenturen gewonnen.

Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Kirk-Mechtel, Melanie: „Pflanzlicher Fleischersatz – Potential für die Lebensmittelwirtschaft”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_124-pflanzlicher-fleischersatz-grosses-potential-fur-die-lebensmittelwirtschaft/ (abgerufen am 7/12/2018).

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Anja Mutschler

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