Menü
Kontakt

Die Zukunft des Essen – was Sie wissen müssen
#181 7/03/2017 Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten.

In den nächsten Jahren werden wir intensiv um die Zukunft des Essens debattieren. Bestrebungen auf Seiten von Erzeugern, Wissenschaftlern, Nahrungsmittelherstellern, Verbrauchern werden zum Thema globaler Gespräche über die eine Herausforderung: Wie lässt sich die Nachfrage nach Lebensmitteln einer wachsenden Weltbevölkerung in Zeiten von Klimawandel und Bodenverschlechterung decken?

Die Welt der Ernährung – also der Weg, den Lebensmittel von den Feldern bis auf die Gabeln zurücklegen – ist einem grundlegenden Wandel unterworfen. Grund sind zahlreiche Veränderungen in Natur, Gesellschaft und Wirtschaft. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass die Zahl landwirtschaftlicher Erzeugnisse um 60 Prozent steigen muss, um die neun Milliarden Menschen zu ernähren, die den Planeten 2050 wahrscheinlich bevölkern werden. Diese Steigerung muss trotz schrumpfender Flächen erreicht werden, die immer mehr dem Klimawandel unterworfen sind. Bodenverschlechterung und Urbanisierung verringern die Zahl der nutzbaren Ackerflächen um 0,3 Prozent pro Jahr, was bis 2050 einen Verlust von zehn Prozent bedeutet. Das zwischenstaatliche Gremium über den Klimawandel (Inter-Governmental Panel on Climate Change, IPPC) vermutet, dass die Erträge nutzbaren Landes in bestimmten Regionen bedingt durch die Auswirkungen des Klimawandels um bis zu 25 Prozent sinken könnten. 

Allerdings ist die Landwirtschaft nicht nur Opfer des Klimawandels, sondern auch der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. Der Agrarsektor ist für schätzungsweise 13 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Jede realistische Strategie zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens über den Klimawandel, das die globale Erwärmung unter zwei Grad Celsius halten will, muss signifikante Senkungen landwirtschaftlicher Emissionen enthalten.

Diese Bedingungen fordern alle Beteiligten entlang der agrarischen Wertschöpfungskette dazu heraus, zur Entwicklung hin zu tatsächlich nachhaltigen Ernährungsmethoden beizutragen.

Nachhaltige Intensivierung

„Nachhaltige Intensivierung“ kombiniert traditionelles Wissen mit modernen Methoden und der achtsamen Nutzung neuer Technologien zu einer Palette ökosystembasierter Praktiken, die Kleinbauern und anderen Erzeugern helfen, höhere Erträge bei gleichzeitiger Steigerung natürlichen Kapitals zu erzielen. Nachhaltige Intensivierung ist ein neu entstehendes Paradigma landwirtschaftlicher Produktion, das den „Beitrag der Natur zum Pflanzenanbau” aufzeigt und Belange des Bioanbaus, des Umgangs mit Wasser, von Verschmutzung und natürlichen Mechanismen im Umgang mit Insektenplagen und Krankheiten. Die Forschung zu klimagerechter Landwirtschaft strebt eine Ausweitung dieser Palette an, um die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegenüber Veränderungen durch den Klimawandel zu steigern und dort, wo es möglich ist, Emissionen zu senken.

Während „nachhaltige Intensivierung“ ebenso wie „klimagerechte Landwirtschaft“ einige Prinzipien des Bioanbaus beinhaltet, erkennen beide ganz klar das Bedürfnis an, die Produktivität der Agrarwirtschaft zu steigern und deren Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, und zwar dezidiert unter Berücksichtigung der Rolle, die neue Technologien dabei spielen können.


Mehr Wissen?

Mit Research von NIMIRUM können auch Sie individuelle Insights und Handlungsempfehlungen für Ihre Projekte nutzen.
Ihre Fragen. Unsere Antworten.


Diskussion über Biotechnologien neu anstoßen?

Biotechnologien und Genforschung betreffen in der Landwirtschaft nicht nur genetische Veränderungen wie genbasierte Kennzeichnungen von Tier- und Pflanzenvarianten im Interesse verbesserten Umweltschutzes und verbesserter Aufzuchtmethoden, sondern auch die Diagnose pflanzlicher und tierischer Erkrankungen und die Weiterentwicklung von Impfungen. Techniken zur Genmodifikation entwickeln sich rapide, ebenso wie ganz neue Arbeitsbereiche, darunter die Aufbereitung genetischer Daten, die präzisere Bearbeitungen des Genoms eines Organismus erlaubt.

Forscher glauben, dass sorgsame genetische Veränderungen die Entwicklung neuer Pflanzenvarianten dramatisch beschleunigen könnten – besonders natürlich von Varianten, die geeignet sind, sich dem Klimawandel anzupassen. Das Verfahren könnte ebenso wie Pflanzen-„Impfungen” neue Handlungsfelder eröffnen. Diese erhöhen möglicherweise die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen Krankheiten und Pathogene und senken den Bedarf an Pestiziden. Die polarisierte Debatte um gentechnisch veränderte Organismen (genetically modified organisms, GMO) zeigt jedoch, dass mit diesen neuen Technologien verbundene potenzielle Risiken sorgfältig benannt und bewertet werden müssen. Bedenken aller Beteiligten müssen angehört und berücksichtigt werden. Ein kürzlich in der New York Times veröffentlichter Artikel zeigt, dass die Entwicklung der „zweiten Generation” von genetisch veränderten Lebensmitteln weiter vorangeschritten ist, als vermutlich die meisten Menschen denken.

Es ist an der Zeit, eine Debatte über die verantwortungsvolle Nutzung dieser Technologien anzustoßen. Diese Debatte soll gewährleisten, dass begründete Sorgen nicht zur völligen Ablehnung neuer Technologien eskalieren, die die Entwicklung dringend benötigter Anwendungen verhindert.

Verschwendung von Lebensmitteln besser vermeiden

Schätzungsweise ein Drittel des weltweit produzierten Essen geht verloren, bevor es die Konsumenten erreicht. Lebensmittelverschwendung zu verringern wird bedeutsam, weil so die Menge der verfügbaren Nahrungsmittel steigt, mit der eine wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann. Ein gängiges Problem in armen Ländern ist, dass aufgrund schlechter Transportbedingungen und Lagerinfrastruktur ein Teil der Ernte verkommt, bevor sie verarbeitet werden kann. In reichen Ländern wird ein Teil der frischen Ware verschwendet, weil sie ästhetischen Ansprüchen nicht genügt oder andere Anforderungen der Lebensmittelverarbeitung nicht erfüllt. Äpfel mit Druckstellen, verwachsene Gurken and asymmetrische Paprikaschoten werden aussortiert, weil man annimmt, Konsumenten würden „perfekte” Ware bevorzugen. Verarbeitete Ware wirft man weg, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum näher rückt, obwohl sie in den meisten Fällen problemlos noch deutlich länger genießbar gewesen wäre. In einigen Ländern beginnen Gesetzgeber und Handelsketten, gegen die Lebensmittelverschwendung vorzugehen. Eine kanadische Supermarktkette beispielsweise führte eine neue Handelsmarke für „natürlich nicht perfekte” Ware zu einem reduzierten Preis ein. In Deutschland sammeln Organisationen der Zivilgesellschaft wie die „Lebensmittelretter” Lebensmittel von Haushalten ein, um sie an Bedürftige weiterzureichen. Die Logistik- und Verpackungsbranche sucht nach Wegen, um die Aufenthaltsdauer von Produkten im Regal zu verlängern und Transportzeiten und -wege zu verringern. Eingedenk der verschiedenartigen Belastungen in der Landwirtschaft und deren Beitrag zum Klimawandel sollten abgestimmte Anstrengungen zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung zu den höchsten Prioritäten gehören.

Nahrung produzieren ohne Böden

Städtische Konsumenten verlangen immer mehr nach regional produzierten, frischen Lebensmitteln, die für sie zu einem umweltorientierten Lebensstil gehören. Diese Nachfrage führt zu verstärkter Forschung und Entwicklung im Bereich erde- und wasserlose Produktionssysteme, die keine Böden erfordern und nur einen minimalen Oberflächen-„Fingerabdruck” hinterlassen. In erdelosen Systemen werden Nährstoffe durch ein geschlossenes Bewässerungssystem direkt zu den Wurzeln der Pflanzen geführt. Hydroponische Produktionssysteme sind integrierte Lösungen aus Pflanzen- und Fischproduktion, in denen Fischkot Nährstoffe für Pflanzen liefert, die ihrerseits das Wasser filtern, in dem die Fische gezüchtet werden. Verbindung zum Internet und der Gebrauch von effizienten LED-Lampen beschleunigen die Entwicklung vollautomatischer und veränderbarer Systeme, die in Häusern und Wohnungen, auf Dächern oder an begrünten Außenwänden Anwendung finden. Mehr und mehr Architekten experimentieren mit Strukturen, die vertikale oder „hängende“ Gärten ermöglichen und so ein grünes Umfeld, Kühlung und frisches Gemüse und Obst liefern. Verschiedene Unternehmen entwickeln erdelose Systeme, die in Containern zur Produktion von Frischware im Einzelhandel untergebracht werden können. Dieselben Containersysteme können verwendet werden, um den Nahrungsanbau in entfernten Gegenden zu betreiben. Während sich derartige Technologien noch in ihren Anfängen befinden, können sie einen neuen Typus hochspezialisierter Nahrungsproduktion mit geringen negativen Auswirkungen hervorbringen. Solche Systeme werden innerhalb oder in der Nähe von Ballungsräumen angesiedelt, die den Zugang und die Qualität von Essen für städtische Konsumenten verbessern.

Zusammenfassung

Die Zukunft des Essens wird in den nächsten Jahren im Mittelpunkt einer weitreichenden gesellschaftlichen Debatte stehen. Landwirte, Forscher, Nahrungsmittelhersteller und Verbraucher auf der ganzen Welt entwickeln neue Lösungen im Kontext von Klimawandel und Bevölkerungswachstum. Entscheider in Unternehmen müssen sich mit den Positionen eines breiten Feldes von Interessengruppen aktiv auseinandersetzen. Wer das gezielt tut, verschafft sich einen Vorteil auf dem Weg in Richtung nachhaltige Ernährungsmodelle.

NIMIRUM unterstützt Sie gern mit weitergehendem Research. Vertiefen Sie Ihre Expertise über #sustainablefood #nachhaltigeErnährung und damit verwandte Themen. Kontaktieren Sie uns hier.

Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Jungcurt, Stefan: „Die Zukunft des Essen – was Sie wissen müssen”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_181-die-zukunft-des-essens-das-streben-nach-nachhaltigen-ernaehrungsmethoden-im-21-jahrhundert/ (abgerufen am 7/12/2018).

Zur Person


Jungcurt, Stefan

Stefan Jungcurt

Stefan Jungcurt forscht und schreibt zur Wissenschaft, Politik und Praxis globaler Umweltentscheidungen. Er arbeitet als Experte für Biodiversität, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit für den SDG Knowledge Hub, das Earth Negotiations Bulletin und andere Projekte des International Institute for Sustainable Development (IISD). Er ist zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Council of Canadian Academies tätig, ein unabhängiges wissenschaftliches Beratungsgremium in Kanada. Jungcurt hat an der Humboldt-Universität zu Berlin in Agrarwissenschaften promoviert. Er lebt in Ottawa. International Institute for Sustainable Development

Ein Thema, mit dem Sie beruflich zu tun haben?


Anja Mutschler

Anja Mutschler

Managing Partner

Dann helfen wir Ihnen, auf dem Laufenden zu bleiben. Nimirum bespielt fundiert eine Bandbreite an Themen, die für Menschen und Märkte derzeit interessant sind. Abonnieren Sie unseren Infoletter, der Ihnen regelmäßig alle Insights zusammenfasst. Oder buchen Sie eine Research von Nimirum, die Ihnen komplett und maßgeschneidert dieses Thema aufbereitet. Schauen Sie hier, was wir im Angebot haben oder kontaktieren Sie Anja Mutschler direkt als Ihre Ansprechpartnerin für Research-Projekte.

Kontakt mit Anja Mutschler

Dieser Artikel ist ihnen etwas wert:

Diesen Artikel bewerten:

Weitere verwandte Artikel lesen


Fettleibigkeit – Strategien gegen den neuen Mangel #184 – 7/02/2017

Gesellschaft und Politik weltweit sind im Kampf gegen Hunger erfolgreich, aber Fehlernährungen aller Art sind weiterhin weit verbreitet. Ein koordiniertes Vorgehen ist nötig, um soziale und ökologische Folgen zu entschärfen und unsere Ernährung auf eine nachhaltige Grundlage zu stellen. Schließlich soll Essen auch wieder wirklich Spaß machen. Wie das gehen könnte, beschreibt Stefan Jungcurt.

„Herzgesündere Lebensmittel besser fördern!“ #182 – 7/03/2017

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Medienkonsum? Was denken die Menschen über Ernährung in den Medien, wie informieren sie sich über Lebensmittel und wem vertrauen sie in Ernährungsfragen? Dr. phil. Diplom-Journalist Tobias D. Höhn vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig hat mehr als 700 Online-Fragebögen zu diesen Themen ausgewertet.

The Future of Food – rethinking „Fields to forks“ #180 – 18/01/2017

Food Systems – the pathways through which food travels from farmers’ fields to consumers’ forks – are about to change fundamentally in response to multiple environmental and socio-economic pressures. Sustainable food expert Dr Stefan Jungcurt at Research Provider, NIMIRUM, outlines key facts and presents an outlook on future debates around food production and delivery.

Trends auf dem Fleischmarkt in Polen (Ländercheck, Folge 7) #162 – 10/11/2016

Fußball und die Grillsaison lassen den Bedarf an Schweinefleisch in die Höhe schnellen. Wie in Deutschland steigen deshalb in Polen die Preise für Schweinefleisch – aber sonst unterscheiden sich die Entwicklungen auf dem Markt für Fleischprodukte. Was sagt uns das über polnische Verbraucher?

Vegetarier zwischen Individualismus und Markt: Endet die Sinnsuche am Tellerrand? #150 – 22/06/2016

Bei Ernährungstrend denkt man inzwischen fast automatisch an "vegetarisch". Warum beschäftigt sich die Gesellschaft gerade mit diesem Trend so ausführlich? Und was passiert, wenn große Unternehmen plötzlich auf einen eigentlich individualistischen Trend anspringen? Unser Experte Christoph Wittmayer geht der Sache auf den Grund.

Wie tickt der Konsument von heute? Fragen Sie den Prosumenten, liebe Marktforscher! #139 – 30/12/2016

Die Kommunikationsformen in Zeiten sozialer Netzwerke ändern sich, die rasant ansteigende Zahl von Onlinebefragungen lässt die Verbraucher abstumpfen. Knappe Budgets verhindern, dass Methoden neu gedacht und Methods Mix mit qualitativen Methoden für die beste Wahrheitsfindung eingesetzt werden. Michael Nitsche , Experte im NIMIRUM-Netzwerk fordert ein Umdenken im Sinne der Prosumenten.

Gesunde Ernährung: „Das Bild vom mündigen und rationalen Verbraucher greift offenbar zu kurz.“ #138 – 3/01/2017

Umfragen über gesunde Ernährung gibt es viele und doch steigt die Zahl der Ernährungsbedingten Krankheiten. Im Rahmen des Kompetenzclusters nutriCARD soll sich das ändern. Was ist neu? Dr. Tobias Höhn betrachtet, welchen Einfluss die Medien auf unser Ernährungsverhalten haben: Wo informieren wir uns, wo ahmen wir nach, wem vertrauen wir blind? NIMIRUM hat mit ihm gesprochen.

​Ökonomische Rationalität – ein einflussreicher Irrglaube? #137 – 3/01/2017

Wir sind "wirtschaftliche Menschen", sagen viele Wirtschaftswissenschaftler. "Homo oeconomicus" auf Lateinisch. Wir treffen die beste Wahl, wenn wir alles wissen, was es zu wissen gibt. Aber stimmt das? Wie weit können wir überhaupt vorausdenken? Können wir die Realität vollständig verstehen? Als Wissensdienstler sind wir an dieser Frage brennend interessiert.

Die Farbe von Weihnachten #129 – 20/01/2017

Jedes Fest hat eine Farbe. Warum ist Weihnachten rot, grün und weiß und nicht rosa oder blau? Und was bedeutet das für den genervten Verbraucher? Wir haben uns mal umgeschaut.

Pflanzlicher Fleischersatz – Potential für die Lebensmittelwirtschaft #124 – 4/01/2017

Vegetarischer Schinkenspicker? Es gibt immer mehr Menschen, die auf Fleisch verzichten wollen ohne auf Fleisch zu verzichten. Die WHO-Meldung zur krebserregenden Wurst zeigt, dass dies der richtige Schritt ist. Die wichtigsten Zahlen und Fakten zu Vegan, Vegetarisch, Flexitarisch und allem dazwischen von der Expertin Melanie Kirk-Mechtel aus unserem NIMIRUM-Netzwerk.