Menü
Kontakt

„Herzgesündere Lebensmittel besser fördern!“
#182 7/03/2017 Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Medienkonsum? Was denken die Menschen über Ernährung in den Medien, wie informieren sie sich über Lebensmittel und wem vertrauen sie in Ernährungsfragen? Dr. phil. Diplom-Journalist Tobias D. Höhn vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig hat mehr als 700 Online-Fragebögen zu diesen Themen ausgewertet.

Ob Print oder Online, Radio oder Fernsehen – das Thema Ernährung ist seit Jahren auf dem Vormarsch in den Medien. Da liegt die Frage nahe: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Medienkonsum? Was denken die Menschen über Ernährung in den Medien, wie informieren sie sich über Lebensmittel und wem vertrauen sie in Ernährungsfragen? Dr. phil. Diplom-Journalist Tobias D. Höhn vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig hat mehr als 700 Online-Fragebögen zu diesen Themen ausgewertet. Befragt wurden Familien mit Kindern bis sechs Jahre, Schwangere und Paare mit Kinderwunsch. Das Gros davon entspringt der sogenannten Generation Y, den Jahrgängen von 1980 bis 1999. Er sieht deutliche Parallelen zum Ernährungsreport 2017 des Bundeministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, aber auch die Aufgabe: Wir müssen den Verbraucher besser informieren. Die Studie ist Teil des „Kompetenzclusters für Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit“ nutriCARD. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss der drei Universitäten Halle, Jena und Leipzig mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie der regionalen Ernährungs- und Agrarwirtschaft, in dem unter anderem herzgesündere Lebensmittel entwickelt werden. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.

Herr Dr. Höhn, welchen Stellenwert hat Ernährung für die Generation Y?

Tobias D. Höhn: In der Selbsteinschätzung spielt Ernährung für die Befragten eine bedeutende Rolle. Lebensmittel sollen vor allem frisch sein und schmecken, wenig Zusatzstoffe enthalten, nach Möglichkeit aus der Region stammen bzw. ökologisch angebaut sein. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass bei ihnen vorwiegend frische Produkte an Stelle von Konserven, Tiefkühlkost oder Fertigprodukten auf den Tisch kämen. Fast Food sei bei ihnen die Ausnahme.

Das klingt, als ob die Befragten alle im Bio-Laden einkauften und jeden Tag am Herd stünden, um für die Familie zu kochen.

Dem ist leider nicht so. Die wichtigsten Anlaufstellen für den Lebensmitteleinkauf sind Supermärkte und Discounter. Hier zeigen sich übrigens deutliche Parallelen zum Ernährungsreport 2017 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Auf dem Wochenmarkt, beim Direktvermarkter oder im Bioladen kaufen die wenigsten ein. Und noch ein wichtiger Punkt: Mehr als Hälfte der Befragten kauft spontan ein und lässt sich auch von Werbung inspirieren. Das Versprechen von weniger Fett, weniger Kalorien oder weniger Zucker greift, obwohl gleichzeitig neun von zehn Befragten in Light-Produkten keinen gesundheitlichen Nutzen sehen. Und bei der Zubereitung muss es vor allem schnell gehen. Man könnte es so ausdrücken: Das kognitive Wissen um die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung wird im Alltag nicht konsequent umgesetzt.

Sie haben in Ihrer Studie den Fokus auf Familien mit Kindern bis sechs Jahre, Schwangere und Paare mit Kinderwunsch gelegt. Warum?

Meine Untersuchung ist Teil eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Kompetenzclusters für Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit, nutriCARD, einem Verbundprojekt der Universitäten Halle, Jena und Leipzig. Unser Ziel ist, die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu verbessern und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Die bevorstehende Geburt eines Kindes ist ein Lebensereignis, bei dem viele ihre bisherigen Verhaltensweisen überdenken, weil sie neue Verantwortung übernehmen. Außerdem werden in den ersten Lebensjahren des Kindes Ernährungsweisen geprägt. Zudem ist die Zielgruppe in der Forschung der Ernährungskommunikation bislang wenig bedacht.


Mehr Wissen?

Mit Research von NIMIRUM können auch Sie individuelle Insights und Handlungsempfehlungen für Ihre Projekte nutzen.
Ihre Fragen. Unsere Antworten.


Sie sind Kommunikationswissenschaftler. Welche Rolle spielen die Medien in Ernährungsfragen?

Ob im Fernsehen oder Radio, in Print oder Online: Ernährung hat in den vergangenen Jahren massiv an Bedeutung gewonnen, und es sind gerade online zahlreiche neue Formate entstanden. Daher ist es nur konsequent zu fragen, welche Medien die Menschen nutzen, und ob dies möglicherweise Handlungsrelevanz für ihre Ernährung hat. Oder anders gefragt, wie können wir das Verbraucherverhalten hin zu einer gesünderen Ernährung durch Kommunikation verbessern?

Und, wie kann Kommunikation Verbrauchern zu einer gesunderen Ernährung verhelfen?

Eine pauschale Antwort fällt schwer. Positiv überrascht bin ich von der Bandbreite und der Qualität des Medienkonsums. Nur zwei Aspekte: Die öffentlich-rechtlichen Sender führen im TV-Angebot das Ranking an, die häufigsten Printprodukte sind allen Unkenrufen zum Trotz regionale Tageszeitungen. Gleichwohl zeigt sich, und das ist besonders relevant für meine Forschung, dass sich bei Ernährungsfragen das Internet zur ersten Adresse entwickelt hat.

Das heißt, online ist beim Thema Ernährung Meinungsführer?

So einfach ist es nicht. Die Stärke des Internets liegt in der individualisierten Problemlösungsstrategie. Das zeigt sich auch daran, dass der Einstieg in neun von zehn Fällen über Suchmaschinen erfolgt. Es werden konkrete Antworten auf gezielt gestellte Fragen gesucht. An zweiter Stelle stehen Newsgroups rund um Familie und Ernährung. Auf die Frage „Wem vertrauen Sie, wenn es um Informationen oder Ratschläge zu gesundheitsbewusster Ernährung geht?“, zeigt sich wiederum ein ganz anderes Bild. Hier dominiert die persönliche Beratung durch Hebammen, bedingt durch den Teilnehmerkreis, und Ärzte. Die klassischen Medien, also Zeitungen, Fernsehen und Radio, haben dennoch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Nahezu zwei Drittel der Befragten gaben an, auf Grund der Medienberichterstattung schon einmal ihre Ernährungsweise überdacht oder sogar geändert zu haben.

In Ihrem Kompetenzcluster werden herzgesündere Lebensmittel entwickelt. Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie für die Ernährungskommunikation bzw. -bildung ?

Mit Blick auf die Verbraucher müssen wir Aufklärungsarbeit leisten. Meine Befragung hat gezeigt, dass mit steigendem Bildungsgrad und der Rezeption von Leitmedien die Akzeptanz herzgesunder Lebensmittel wächst. Der Preis spielt eine untergeordnete Rolle. Es braucht jedoch Partner aus der Wirtschaft, die wir überzeugen müssen, herzgesündere Lebensmittel - als Bestandteil von Nachhaltigkeit in der Ernährung - in ihr Sortiment aufzunehmen. Dazu leisten meine Kollegen vom Institut für Lebensmittelhygiene der Uni Leipzig derzeit Vorarbeit, indem Fleischerzeugnisse in ihren Rezepturen optimiert werden. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend und stoßen auf gute Resonanz. Auf dem Mitteldeutschen Ernährungsgipfel 2016 gab es ein positives Feedback für die Pilot-Lebensmittel von regionalen Herstellern. Der Dreiklang aus Forschung, Produktion und Kommunikation ist vielversprechend.

Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Höhn, Tobias D.: „„Herzgesündere Lebensmittel besser fördern!“”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_182-wir-muessen-aufklaerungsarbeit-fuer-herzgesuendere-lebensmittel-leisten/ (abgerufen am 5/11/2018).

Zur Person


Höhn, Tobias D.

Tobias D. Höhn

Dr. phil. Tobias D. Höhn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Er forscht im Kompetenzcluster für Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit (nutriCARD), einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Verbundprojekt der Universitäten Halle, Jena und Leipzig. nutriCARD zielt auf die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dazu werden die Mechanismen ernährungs- und altersbedingter Erkrankungen erforscht, herzgesündere Lebensmittel entwickelt und durch Kommunikation und Verbraucherschulung das Ernährungswissen und -verhalten der Bevölkerung langfristig verbessert. Dr. Höhn lehrt und forscht im Bereich Wissenschaftskommunikation, Journalismus und Public Relations. Innerhalb von nutriCARD untersucht er den Einfluss von Medienkonsum und -verhalten auf die Ernährung. Er wurde an der Freien Universität Berlin promoviert; zuvor war er Pressesprecher der Universität Leipzig, volontierte bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und studierte Diplom-Journalismus und Politikwissenschaft

Ein Thema, mit dem Sie beruflich zu tun haben?


Anja Mutschler

Anja Mutschler

Managing Partner

Dann helfen wir Ihnen, auf dem Laufenden zu bleiben. Nimirum bespielt fundiert eine Bandbreite an Themen, die für Menschen und Märkte derzeit interessant sind. Abonnieren Sie unseren Infoletter, der Ihnen regelmäßig alle Insights zusammenfasst. Oder buchen Sie eine Research von Nimirum, die Ihnen komplett und maßgeschneidert dieses Thema aufbereitet. Schauen Sie hier, was wir im Angebot haben oder kontaktieren Sie Anja Mutschler direkt als Ihre Ansprechpartnerin für Research-Projekte.

Kontakt mit Anja Mutschler

Dieser Artikel ist ihnen etwas wert:

Diesen Artikel bewerten:

Weitere verwandte Artikel lesen


Reporting for Change: Wie CSR-Berichte ein Unternehmen verändern #223 – 22/10/2018

In diesem Jahr sind Unternehmen erstmals dazu verpflichtet eine nicht-finanzielle Erklärung zu den sozialen und ökologischen Dimensionen ihrer Arbeit abzugeben – eine Neuerung die für viele betroffene Unternehmen nur als zusätzliche Arbeit gesehen wird. NIMIRUM-Expertin Kerstin Hermuth-Kleinschmidt zeigt, wie aus dem CSR-Bericht statt leidiger Verpflichtung ein direkter Mehrwert für das Unternehmen wird.

Wie New Work und Altern jetzt zusammengehören #190 – 15/03/2017

Prof. Kunze thematisiert den demographischen Wandel in Unternehmen. Mit einer Studie untersucht er den Zusammenhang zwischen gefühltem Alter und Produktivität, welcher letztendlich auch bestätigt werden kann. Gefühltes Alter wird am Arbeitsplatz durch ein angenehmes Arbeitsumfeld und sinnvolle Aufgaben positiv beeinflusst.

Fettleibigkeit – Strategien gegen den neuen Mangel #184 – 7/02/2017

Gesellschaft und Politik weltweit sind im Kampf gegen Hunger erfolgreich, aber Fehlernährungen aller Art sind weiterhin weit verbreitet. Ein koordiniertes Vorgehen ist nötig, um soziale und ökologische Folgen zu entschärfen und unsere Ernährung auf eine nachhaltige Grundlage zu stellen. Schließlich soll Essen auch wieder wirklich Spaß machen. Wie das gehen könnte, beschreibt Stefan Jungcurt.

From Hunger to Obesity: Addressing Malnutrition #183 – 30/01/2017

The number of people suffering from hunger around the world is steadily declining. At the same time, there has been a rapid increase in the prevalence of diseases related to other forms of malnutrition. NIMIRUM fellow Stefan Jungcurt shows why a coordinated approach is neccessary to address social and economic implications.

Die Zukunft des Essen – was Sie wissen müssen #181 – 7/03/2017

In den nächsten Jahren werden wir intensiv um die Zukunft des Essens debattieren. Bestrebungen auf Seiten von Erzeugern, Wissenschaftlern, Nahrungsmittelherstellern, Verbrauchern werden zum Thema globaler Gespräche über die eine Herausforderung: Wie lässt sich die Nachfrage nach Lebensmitteln einer wachsenden Weltbevölkerung in Zeiten von Klimawandel und Bodenverschlechterung decken?

The Future of Food – rethinking „Fields to forks“ #180 – 18/01/2017

Food Systems – the pathways through which food travels from farmers’ fields to consumers’ forks – are about to change fundamentally in response to multiple environmental and socio-economic pressures. Sustainable food expert Dr Stefan Jungcurt at Research Provider, NIMIRUM, outlines key facts and presents an outlook on future debates around food production and delivery.

Was soll Nachhaltigkeit sein? Neue Antworten aus der Wissenschaft #169 – 29/09/2016

Unternehmen, Agenturen und Bürger fragen sich: Was wird von uns erwartet, wenn es um Nachhaltigkeit geht? Welche Standards gibt es, und was bringt das? Nachhaltigkeit ist ein politisches Projekt auf wissenschaftlicher Grundlage. Wissenschaft aber entwickelt sich ständig weiter. NIMIRUM-Expertin Dr. Hermuth-Kleinschmidt zeigt anlässlich des SISI-Symposiums des BMBF 2016 Trends und Entwicklungen.

Logistik der Zukunft: Die 5 großen Trends #167 – 20/01/2017

Von Zeiten der Postkutsche bis heute bleibt die Logistik ein wichtiges Thema, aber auch ein hartes Geschäft. Wie wird in Zukunft zugestellt? Selbst fahrende Autos, Roboter, Drohnen? NIMIRUM stellt die 5 großen Trends vor, die für die Logistik der Gegenwart und der Zukunft

Trends auf dem Fleischmarkt in Polen (Ländercheck, Folge 7) #162 – 10/11/2016

Fußball und die Grillsaison lassen den Bedarf an Schweinefleisch in die Höhe schnellen. Wie in Deutschland steigen deshalb in Polen die Preise für Schweinefleisch – aber sonst unterscheiden sich die Entwicklungen auf dem Markt für Fleischprodukte. Was sagt uns das über polnische Verbraucher?

100% Schönheit: Wie Europas Milchbauern in China reüssieren (Ländercheck, Folge 1) #154 – 5/09/2016

Alle Chinesen sollen laktoseintolerant sein - aber in deutschen Drogerien fehlt Milchpulver, weil es nach China verschickt wird. Wie passen diese gegensätzlichen Vorurteile zusammen? Unser Ländercheck klärt auf, über diese und andere Irrtümer über das Reich der Mitte und die Milch der Kuh.