Menü
Kontakt
Eine (wahre) Geschichte der Fake News

Eine (wahre) Geschichte der Fake News
#185 15/03/2017 Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten.

Stefan Raab ist tot, Obama bei einem Brand ums Leben gekommen, und der Papst unterstützt Trump? Frei erfunden – aber so wirksam, dass die Angst vor den Fake News umgeht. Vor „Lügenschleudern“ (Spiegel), vor den „Armeen der Unwahrheit“ (Die Zeit). Eigentlich gibt es schon Mechanismen dagegen. Aber das heutige Problem ist ein ganz anderes. Eine Analyse von Nimirum-Experte Dr. Christian Salzborn.

Fake News sind Gerüchte

Das Spiel mit Unwahrheiten durchzieht die Geschichte der Menschheit. Wer Unwahres in die Welt setzt, streut Gerüchte. Fake News sind Gerüchte. Drei Beispiele, die das breite Spektrum illustrieren: Der römische Kaiser Nero ging vor allem an übler Nachrede und Gerüchten zugrunde und wurde nicht durch einen Staatsstreich beseitigt, sagte schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus. Der Antisemitismus sei nichts anderes als das „Gerücht über die Juden“, stellte der Philosoph Theodor W. Adorno im Hinblick auf die Propaganda-Taktiken der Nationalsozialisten fest. Und schließlich ist bei der Yellow Press, einer Unterart des Journalismus, die Streuung von teils völlig frei erfundenen Geschichten zu einem Geschäftsmodell avanciert, das davon lebt, seinen dankbaren Lesern jede Woche völlig frei erfundene Scheidungen, Todesfälle und Schwangerschaften der Adelshäuser und Stars zu beschreiben oder tatsächliche Vorfälle zu entstellen; die Auflagen halten sich stabil im Millionenbereich.

Gerüchte im Fokus der Forschung

Gerüchte sind ein „Grenzgebiet wissenschaftlicher Forschung“. Die Untersuchung ist schwierig, denn die Inhalte der mitgeteilten Aussagen bleiben oft vage, und sie sind im Hinblick auf ihren Umfang, ihre Zielrichtung, die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung und auch ihre Wirkung schwer greifbar. Auch eine einigermaßen einheitliche Definition des Gerüchts gibt es bisher nicht. Die zahlreichen, teils sehr komplexen Ansätze zu seiner Erforschung gehen allerdings alle davon aus, dass Gerüchte unbewiesene Feststellungen sind, die die Menschen bewegen und interessieren (ausführlich Merten und Langner). Die Inhalte müssen nicht wahr sein. Gerade ihr oft spektakulärer Charakter, ihre Negativität und ihre teils grauenhaften Züge garantieren die weitere Verbreitung und das Überleben im gesellschaftlichen wie medialen Diskurs. Die Gefahr des Gerüchts besteht in der Tatsache, dass Menschen eher ihm glauben als den ihm gegenübergestellten Fakten, die das Gerücht mit den Mitteln der Vernunft zum Erliegen bringen sollen. Die Krisenkommunikatoren Andreas Frädrich und Marcel Vollmer betonen, dass das Gerücht nicht starr ist, sondern „wie ein Virus“ mutiere. „Bestimmte Details werden vernachlässigt, andere Aspekte werden übertrieben oder mit Stimmungen, Meinungen oder Vorurteilen des Überträgers eingefärbt. Ein Gerücht kann sich demnach innerhalb eines Lebenszyklus verändern oder sogar zu einer völlig anderen Aussage führen.“


Mehr Wissen?

Mit Research von NIMIRUM können auch Sie individuelle Insights und Handlungsempfehlungen für Ihre Projekte nutzen.
Ihre Fragen. Unsere Antworten.


Social Media ohne Gerüchte?

Dank Internet und Social Media verbreiten sich Gerüchte immer schneller. Gerade die Kerneigenschaften der Social Media machen diese zum perfekten Nährboden für Gerüchte: Auf Facebook und Twitter geht es darum, schnell an Inhalte zu kommen, sie ohne Zeitverzögerung zu bewerten, zu kommentieren und zu teilen. Das geht, weil Kontroll-Mechanismen fast völlig fehlen, die es in der analogen Welt leichter gemacht haben, eine Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden.

Im persönlichen Gespräch lassen Körpersprache und Mimik des anwesenden Gegenübers oft darauf schließen, wie ernst ihm seine Aussage ist. Im Netz strömt eine prinzipiell unbeschränkte Menge von Informationen auf den Einzelnen ein. Der Leser hat eigentlich kaum noch die Gelegenheit, den Wahrheitsgehalt einer Nachricht zu überprüfen, und er wird es auch tendenziell nicht für nötig halten, wenn diese im Gewand einer (vielleicht allerdings gefälschten) vertrauenswürdigen Nachrichtenseite daherkommt. Dieses Problem haben auch Journalisten, wenn sie schnell aus „gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zitieren.“

Für die Einschätzung, ob es sich bei einer Meldung um die Wahrheit handelt oder nicht, ist nicht in erster Linie der Inhalt, sondern die Glaubwürdigkeit der Quelle ausschlaggebend. Dass es die Newsalgorithmen von Plattformen wie Facebook und Google dem Leser erlauben, die Meinungs- und Nachrichtenvielfalt des breiten Medienspektrums auszublenden und nur die Inhalte zu rezipieren, die ihn interessieren (Stichwort: Filterblase), sorgt dafür, dass die Kriterien für Glaubwürdigkeit sich – oft unbemerkt – verschieben. Gegenläufige Informationen und Meinungsbilder werden dann nicht mehr rezipiert.

Das wiederum macht es den Anbietern von vermeintlichen Nachrichtenseiten – also den Autoren von Gerüchten – leichter, Verleumdung, üble Nachrede, inszenierte Skandale, Diskreditierungen und Diffamierungen bestimmter Personen bis zur breit angelegten Desinformierung der Öffentlichkeit abzusetzen. Das Internet vergisst nichts, und Google-Einträge mutieren zu „Tätowierungen des Internets“, denn „[e]inmal eingeritzt, lassen sie sich nur schwer entfernen.“

Alles Fake – Was tun?

Der Verbreitung von Gerüchten sind Grenzen gesetzt, wenn das Thema, unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt, für den Rezipienten nicht plausibel erscheint. Damit ist der Leser eine zentrale Variable: Der Rezipient bestimmt, was er für wahr und teilungswürdig hält und was nicht. Der Bildungsgrad des Einzelnen und in der Summe der Gesellschaft ist damit ebenso relevant wie die Medienkompetenz und das damit einhergehende Wissen über die Risiken des Netzes. Teilweise sind Falschmeldungen jedoch so gut gemacht, dass es selbst dem kompetenten Mediennutzer schwer fällt, Wahrheit und Fake zu unterscheiden.

Hier greifen dann womöglich andere Instrumentarien wie eine von der Politik geforderte Rechtsschutzstelle als zentraler Anlauf bei Fakes wie auch bei Hassrede, eine „Anti-Fake-News-Einheit“ der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten oder eine Zusammenarbeit des Recherchenetzwerkes Correctiv mit der Social-Plattform Facebook, die besonders zur Verbreitung von Fake News genutzt wird. Correctiv schreibt: „Fake News - gerade bei Facebook - sind schon jetzt eine der großen Bedrohungen unserer Gesellschaft. Das ist klar. Und wir befürchten, dass diese Bedrohungen in den kommenden Monaten noch massiver werden. Sei es bei der NRW-Wahl oder bei der Wahl zum nächsten Bundestag im Herbst. Aus diesem Grund sind wir entschlossen, so viel wie möglich zu tun, um Fake News zu bekämpfen. Unsere Demokratie darf nicht von Lügen und Lügnern missbraucht werden.“

Fazit und Ausblick

Fake News gab es schon immer. Früher hießen sie Gerüchte. Das Problem heute ist ein US-Präsident, der sie sanktioniert.

Eklatante, gezielt gestreute Falschmeldungen haben auch in der Vergangenheit schon sicher geglaubte Wahlen beeinflusst. Privatleute wie Politiker wurden immer wieder ohne eigene Schuld diffamiert und durch Lügen in die Skandalecke gedrängt. Latenter Hass auf „die Anderen“ wurde durch gezielte Halbwahrheiten weiter geschürt.

Es gibt Gegenmittel: Bildung und Medienkompetenz, die kartellrechtlich untermauerte Praxis der Pressefreiheit, die den Raum für Meinungsvielfalt und kritische Berichterstattung schützt, das Recht auf Gegendarstellung. Nur müssen diese Mittel angewandt werden – das ist durch neue Technologien und ihre mächtigen Anbieter nicht leichter, sondern schwerer geworden.

Hier werden aber auch neue Methoden möglich, von der Zusammenarbeit von Unternehmen mit Recherchenetzwerken über Selbstverpflichtungen der Medien und Plattformbetreiber bis hin zu politisch geforderten Rechtsschutzstellen.

Und diese Mittel müssen geschützt und verteidigt werden. Im demokratischen Staat ist das die Aufgabe der Verfassungsorgane und damit letztlich des Staatschefs. Aber wenn mit Donald Trump ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der sogar sagt, dass ihn die Wahrheit wenig interessiert, dann haben wir es in der Tat mit einer neuen Situation zu tun; Fake News sind dann unser geringstes Problem.

Grundsätzlich sind die genannten Maßnahmen gegen Fake News ohnehin nur Zusatzmaßnahmen – im Mittelpunkt steht der mündige und gebildete Bürger im Netz, der sich Kraft seiner Intelligenz und Kompetenz der Risiken im Netz bewusst wird und sich erhobenen Hauptes aus der eigenen Filterblase erhebt und deren Inhalte hinterfragt.

Denn jede Fake News ist nur so gut wie der, der sie glaubt.

Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Salzborn, Christian: „Eine (wahre) Geschichte der Fake News”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_185-eine-wahre-geschichte-der-fake-news/ (abgerufen am 25/06/2020).

Zur Person


Salzborn, Christian

Christian Salzborn

Dr. Christian Salzborn wurde 1985 in Sachsen-Anhalt geboren. Während seines Studiums der Angewandten Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt auf PR und Unternehmenskommunikation an der TU Ilmenau arbeitete er als stellvertretender Chefredakteur der Campusseite bei der „Thüringer Allgemeinen“. Nach Erhalt seines Diploms zum Medienwissenschaftler 2009 arbeitete er zunächst im Bereich Finanzpresse / Investor Relations der Porsche SE. Im Rahmen seiner Doktorarbeit wechselte er 2011 zur Onlinekommunikation und -Strategie der Daimler AG. Heute leitet er bei der der Marke smart (Daimler AG) Kooperationen und Product-Placement-Projekte.

Ein Thema, mit dem Sie beruflich zu tun haben?


Anja Mutschler

Anja Mutschler

Inhaberin

Dann helfen wir Ihnen, auf dem Laufenden zu bleiben. Nimirum bespielt fundiert eine Bandbreite an Themen, die für Menschen und Märkte derzeit interessant sind. Abonnieren Sie unseren Infoletter, der Ihnen regelmäßig alle Insights zusammenfasst. Oder buchen Sie eine Research von Nimirum, die Ihnen komplett und maßgeschneidert dieses Thema aufbereitet. Schauen Sie hier, was wir im Angebot haben oder kontaktieren Sie Anja Mutschler direkt als Ihre Ansprechpartnerin für Research-Projekte.

Kontakt mit Anja Mutschler

Dieser Artikel ist ihnen etwas wert:

Diesen Artikel bewerten:

Weitere verwandte Artikel lesen


Corona-Pandemie in Lateinamerika: Gesundheitskrise durch soziale Ungleichheiten #250 – 25/06/2020

„In Lateinamerika verschärfen sich soziale Ungleichheiten und die Gesundheitskrise gegenseitig, auch weil Anti-Corona-Maßnahmen die soziale Realität der Bevölkerung nicht anerkennen. Die Krise legt die bestehenden Ungleichheiten offen und macht die Notwendigkeit struktureller Reformen deutlich.“ Eines unserer #expertstatements von Dr. Mona Nikolić.

Kunst findet statt, egal unter welchen Umständen #249 – 16/06/2020

Warum die Kunst vor Corona nichts zu befürchten hat, außer sich selbst. Eines unserer #expertstatements von Moritz Eggert: „Schon vor Corona wurde tatsächlich in Deutschland sehr, sehr viel Geld für Kultur ausgegeben, und es zeichnet sich nicht ab, dass hier ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel ins Haus steht. Keine Seuche der Weltgeschichte hat je dauerhaft die Kultur zerstört – ganz im Gegenteil, nach der Überwindung einer Seuche gab es normalerweise sogar eher Blütezeiten der kreativen Produktivität. Kunst findet statt, egal unter welchen Umständen.“

Content Marketing aus dem Remote: Ansätze für die agile Content-Produktion im Homeoffice #248 – 11/06/2020

„Für den Newsroom bieten die Auswirkungen der COVID19-Pandemie wesentliche Chancen der Weiterentwicklung: Konsequent zu Ende gedacht, wird aus dem physischen Ort eine agile Content-Planungs- und Produktionszentrale für Marketing und Corporate Communications für die es unerheblich ist, ob das Team im Unternehmen oder im Remote arbeitet. Dies gelingt jedoch nur, wenn das gesamte Team gemeinsam an der Transformation arbeitet und diese mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung trägt. Die eingesetzten Tools unterstützen dabei, den Wirkungsgrad der Arbeit im Remote deutlich zu erhöhen.“ - Eines unserer #expertstatements von Philipp Dieterich.

Covid-19 und Museen – „In Umrissen lässt sich das digitale Museum bereits ausmachen“ #247 – 9/06/2020

„Der Begriff der ‚Digitalen Strategie‘ bleibt aber eine merkwürdige contradictio in adiecto. Strategien zielen auf Langfristigkeit, Planung und die Sicherheit strukturierter Abläufe, während das Digitale durch kurze Aufmerksamkeitszyklen, rapide technische Entwicklungen und ständiges Experimentieren mit neuen Möglichkeiten bestimmt ist. Um diesen Widerspruch aufzulösen, sollte der Fokus tatsächlich weniger auf dem Digitalen, sondern vor allem auf den Mitarbeiter*innen von Museen liegen. Sinnvolle Strategien sollten vor allem auf den breiten Aufbau von Digital Literacy und agiler Methodenkompetenz zielen.“ - Eines unserer #expertstatements von Dr. Johannes C. Bernhardt.

Die Zeit der Entspannung: (Digital) Health und Wellness als Themen der Zukunft #246 – 4/06/2020

„Was zuerst eine Zwangsentspannung war, wird zukünftig einen deutlichen Einfluss auf unser Leben haben – und die Themen Gesundheit und Wellness erlangen als Folge dieser Gesundheitskrise eine größere Bedeutung für die Menschen.“ - Eines unserer #expertstatements von Dr. Astrid Nelke.

The pandemic is transforming the market for art. Existing power structures are eroding – to the benefit of artists and buyers #245 – 2/06/2020

“Corona facilitates what was long overdue: It enforces the transformation of the art world and helps to democratise the art market by opening it up to the public. Digital access to art enforces transparent prices and enables everybody to buy great art at a fair price. That makes the art market accessible for everyone.“ - One of our #expertstatements from Dr. Ruth Polleit-Riechert.

Die Diversität des Erlebens. Chronisch krank in Zeiten der Krise #244 – 27/05/2020

„In dieser Krise herrscht eine große Diversität des Erlebens: Die einen langweilen sich, die anderen kämpfen ums Überleben. Erstere möchten nicht selten glauben, gefeit zu sein, und fordern, Einschränkungen nur noch für Risikogruppen gelten zu lassen. Diskriminierung also. Ausgrenzung. Wollte Deutschland nicht ein Sozialstaat sein, um soziale Gerechtigkeit bemüht?“ - Eines unserer #expertstatements von Ilka Baral.

#Expertstatements – eine Zwischenbilanz nach 25 Beiträgen #243 – 12/05/2020

„Funktioniert Infotainment in einer Welt, in der #FakeNews objektive Debatten an den Rand drängen und wissenschaftliche Erkenntnisse unter Druck geraten? Unsere #Expertstatements zeigen mir: Ja. Erfahrungswissen als pointierte Meinung ist ein gutes Format, um Orientierung zu bieten. Allerdings müssen knowledge worker die Gesetze von Social Media verstehen lernen – denn die digitale Informationsgesellschaft lebt maßgeblich vom Mitmachen“ – Eine Zwischenbilanz zu unseren #expertstatements von Anja Mutschler.

Wie verändert Corona unsere Mobilitätswelt? Eine Branche zwischen Angst, Vermutungen und Hoffnung #242 – 7/05/2020

„Was macht die Covid-19-Pandemie mit der Mobilitätsbranche, wenn wir kaum noch mobil sein können, wollen und sollen? Wie verändert das langfristig die Einstellung und das Verhalten der Verbraucher zu einzelnen Verkehrsmitteln? Dazu gibt es weder erprobte Theorien noch vorgefertigte Antworten. Doch es gibt uns die Chance, gemeinsam neue Lösungen zu finden!“ - Eines unserer #expertstatements von Marinela Potor.

Unsichtbares und der visuelle Kontext der Welt – wie Corona die Fotografie verändert #241 – 5/05/2020

„Die Coronakrise verändert nicht nur Bedingungen für die ganze Fotobranche, sondern die visuellen Erfahrungen jedes einzelnen. Alltägliches erregt Aufmerksamkeit und Konstrukte von Viren kommen ins Blickfeld. Unsichtbares verändert unseren visuellen Kontext der Welt. Das wird die Fotografie auf lange Jahre prägen!“ - Eines unserer #expertstatements von Fabian Haas.