Menü
Kontakt

Future of Mobility: Quo Vadis, Carsharing?
#204 13/09/2017 Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten.

„Was in den 40er Jahren als „Selbstfahrergenossenschaft“ begann, hat sich heute zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell entwickelt - Carsharing.“ Unsere Expertin Marinela Potor wirft einen Blick auf die Hintergründe und zukünftigen Entwicklungen des Mobilitätstrends.

Sharing heißt Caring – und das Carsharing scheint das Paradebeispiel für dieses Motto in der Mobilitätsbranche zu sein. Mobility as a Service (MaaS) ist das unternehmerische Schlagwort dazu in einer Gesellschaft, in der sich Transport vom Autobesitz löst und zum Serviceangebot wandelt. Ein Blick auf die Entwicklung des Carsharings zeigt, warum gerade dieser Mobilitätstrend so erfolgreich ist – und was wir in Zukunft noch erwarten können.

Millennials: Die wahre Triebkraft hinter dem Mobilitätstrend

Flexibel, unkompliziert, günstig und sozial verantwortlich: Das sind nicht wenige Forderungen, die vor allem die junge Generation der Millennials an Transportangebote stellt. Damit geht einher, dass das eigene Auto nicht mehr als erstrebenswert gesehen wird. In der „Automotive Zeitgeist Studie“, die das Zukunftsinstitut im Auftrag von Ford durchgeführt hat, sagten mehr als die Hälfte der befragten Millennials, ein Auto sei zwar nützlich, aber nicht notwendig. Fast 80 Prozent der Millennials ist es auch egal, wie ihr Fahrzeug aussieht und was andere darüber denken – solange es sie von A nach B bringt. „Mobilität: ja; Besitz: nein“, scheint zum Wahlspruch einer ganzen Generation geworden zu sein.

Doch auch wenn die Motive der Millennials einer der Gründe sind, warum Carsharing weltweit boomt, schlagen sich im Carsharing-Boom auch andere Entwicklungen nieder, darunter auch sehr langfristige.

Carsharing: Eine Erfolgsgeschichte

Schon mit den Anfängen des Carsharings, die immerhin auf das Jahr 1948 zurückgehen und damals noch mit Namen wie Selbstfahrergenossenschaft oder StattAuto verbunden waren, zeigte sich, dass das Konzept das Potential zum Megatrend hatte. Mit einer entscheidenden Voraussetzung: Sharing-Modelle, wie eben auch das Carsharing, erfordern eine kritische Masse. So analysierte Katrin Gillwald in einem Working Paper von 1997 für das Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, ob Carsharing in Deutschland eine Zukunft haben könnte. Ihre Schlussfolgerung: Ja, aber nur wenn viele Menschen von seinem Nutzen überzeugt werden können.

Wie konnten potenzielle Nutzer von den positiven Seiten des Carsharings überzeugt werden?

Mehrere Faktoren haben dem Carsharing letztendlich zum Durchbruch verholfen. In ihrer internationalen Vergleichsstudie „Growth in Worldwide Carsharing“ verweisen Susan A. Shaheen und Adam P. Cohen auf zwei Entwicklungen, die das Carsharing weltweit vorangetrieben haben: das Steigen der Öl- und Gaspreise und große Engpässe in der Autoinfratruktur. Es wurde für Autobesitzer also sowohl immer teurer, von A nach B zu kommen, als auch unbequem.

Pendler standen im Stau, und Parkplätze wurden, vor allem in Großstädten, immer knapper und teurer. Dies regte Großstädter, zunächst in Europa, dann aber auch in Nordamerika sowie in asiatischen Metropolen, zum Umdenken und zu Verhaltensänderungen an. Erst mit diesem Switch wurde eine kritische Masse erreicht, die die Vorteile des Carsharings zum Tragen kommen ließ:

  1. Carsharing erhöht die soziale Mobilität: Carsharing-Angebote haben nach Shaheen und Cohen große gesellschaftliche Folgen. Sie ermöglichen es auch Menschen, die sich normalerweise kein eigenes Auto leisten könnten, bei Bedarf mobil zu sein. Eng an die physische Mobilität ist die soziale Mobilität gekoppelt: Neue Jobs liegen plötzlich in Reichweite, Kinder können Freizeitangebote wahrnehmen, und Familien können sich flexibler fortbewegen. Das erhöht die soziale Teilhabe vieler Menschen und im Umkehrschluss auch wieder die Unterstützung für das Carsharing.
  2. Carsharing spart Geld: Ein eigenes Auto ist langfristig teurer als das Carsharing. Neben Anschaffungskosten kommen Kosten für Versicherung und Steuern und im Laufe der Jahre auch Reparaturkosten hinzu. Nach einer aktuellen Studie des Institute of Transportation Studies Berkeley kann ein US-Haushalt durch Carsharing bis zu 435 US-Dollar pro Monat einsparen. In Deutschland hat das Carsharing-Vergleichsportal für private Autobesitzer eine Kosteneinsparung von bis zu 150 Euro im Monat ermittelt. Im Business-Bereich hat das Umweltbundesamt die Kosten für Carsharing mit den Kosten für einen eigenen PKW verglichen und kommt zu dem Schluss, dass ein Kleinwagen im Carsharing für Unternehmen rund 1000 Euro im Jahr einsparen kann.
  3. Carsharing ist gut für die Umwelt: Auch wenn das Umweltbewusstsein nicht der größte Motivator für das Umsteigen auf Carsharing ist: Wenn Verbraucher erstmal den Switch gemacht haben, sehen viele von ihnen die positive CO2-Bilanz als großen Vorteil an. Wie die Studie „The Environmental Impacts of Car-Sharing Use“ vorrechnet, stießen Carsharing-Nutzer in Deutschland im Jahr 2003 148 Gramm CO2 pro gefahrenen Kilometer aus. Im Vergleich dazu lag der CO2-Ausstoß von Neuwagen-Fahrern im gleichen Jahr bei 176 Gramm pro Kilometer. Damit waren die CO2-Emissionen von Carsharing-Teilnehmern um 16% niedriger. Für das Jahr 2009, mit Bezug auf den Anbieter cambio, wurde im Vergleich 21% weniger CO2 emittiert.

NIMIRUM Themenboost

Als Themenboost veröffentlichen wir auf Basis unserer Untersuchungen regelmäßig Insights und Foresights zu laufenden Debatten. Dieser Artikel ist Teil des Themenboost Mobilität.

Sie beschäftigen sich beruflich mit dem Thema Mobilität? Wir beraten Sie gern!

Ihre Fragen. Unsere Antworten.


Nach der Studie „Growth in Worldwide Carsharing“ liegt dies unter anderem daran, dass Carsharing-Angebote Privatautos zum Teil ersetzen und viele Carsharing-Nutzer entweder den Kauf eines Neuwagens verschieben oder gar ihr altes Auto verkaufen. Laut Studie kann ein einziges Carsharing-Auto in Europa zwischen 4 und 10 Privatautos, in den USA sogar zwischen 6 und 23 Privatautos ersetzen.

So konnte Carsharing vom idealistischen Konzept der informellen Selbstfahrergenossenschaften zum erfolgreichen Geschäftsmodell wachsen. Mobility as a Service war geboren.

Das Carsharing der Zukunft: Wohin geht der Trend?

Nachdem Carsharing sich als beliebtes und wirtschaftlich erfolgreiches Mobilitätsangebot etabliert hat, stellt sich die Frage, wohin der Trend geht.

In einem sind sich alle einig: Carsharing hat großes Wachstumspotential. Experten erwarten sowohl steigende Wachstumsraten in bereits bestehenden Märkten als auch die Expansion in neue Märkte. Vor allem Asien und Südamerika zeigen großes Potential. Die Anbieter werden sich sich darüber hinaus, vor allem im Bereich der Free-Floating-Modelle, weiter konsolidieren, wie unter anderem die Jahresbilanz aus 2015 des Bundesverband CarSharing nahelegt. Aktuelle Entwicklungen in der Branche, wie die Übernahme von Tamyca durch Snappcar oder die geplante Fusion von DirveNow und car2go zeigen, dass dies bereits sowohl im Peer-to-Peer-Bereich als auch im kommerziellen Carsharing geschieht.

Die Meinungen darüber, wer die dominanten Carsharing-Player der Zukunft sein werden, gehen aber auseinander. Einige Experten gehen davon aus, dass sich langfristig in den USA sowie in Europa vor allem Unternehmen aus der Auto- und Mobilitätsbranche durchsetzen werden. Das liegt nach Ansicht dieser Experten daran, dass diese Unternehmen verhältnismäßig früh in den Carsharing-Markt eingestiegen sind und sich schnell große Marktanteile gesichert haben. So haben BMW und Sixt DriveNow ins Leben gerufen, Daimler und Europcar haben gemeinsam car2go gegründet, und der CarsharingService Zipcar gehört zum Autovermieter Avis. Diese Unternehmen dominieren die Carsharing-Märkte, sowohl in Deutschland als auch in den USA. In Deutschland haben car2go und DriveNow und der Carsharing-Dienst der Deutschen Bahn, Flinkster, die meisten Kunden. In den USA kontrollieren Zipcar, car2go, Enterprise CarShare sowie Hertz 24/7 95% des Marktes.

Andere Branchenkenner wiederum verweisen darauf, dass sowohl car2go als auch DriveNow außerhalb von Deutschland Verluste einfahren. „Das ist ein Zuschussgeschäft. Geld verdient man damit noch nicht“, sagt etwa Autoexperte Stefan Bratzel von der Wirtschaftshochschule in Bergisch-Gladbach gegenüber der WAZ. Im Gegensatz dazu operieren mittelständische Anbieter in vielen Städten in Deutschland seit gut 20 Jahren wirtschaftlich erfolgreich, betont Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverband CarSharing. „Das ist in den letzten Jahren durch den Markteintritt der Automobilkonzerne, der in den Medien viel Aufmerksamkeit erregt hat, etwas in Vergessenheit geraten. Aber die mittelständischen Pioniere des CarSharing haben in vielen Städten bereits sehr starke Angebote mit hoher Versorgungsleistung für die Kunden etabliert.“

So bleibt abzuwarten, welche Unternehmen sich in den nächsten Jahren durchsetzen werden.

Das Interesse der Automobilbranche – Verluste hin oder her – ist aber nicht rein wirtschaftlich zu betrachten. Denn BMW und Daimler sind bereit in Carsharing zu investieren, obwohl die Erträge nicht optimal sind und obwohl es bisher keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass in Deutschland weniger Neuwagen gekauft werden. Ganz im Gegenteil: Für 2017 wird sogar ein Wachstum beim Kauf von Neuwagen erwartet.

Hinter dem Interesse am Carsharing dieser Unternehmen steckt deshalb ein anderer Grund. Die Automobilbranche hat aus Fehlern anderer Branchen im Umgang mit der Digitalisierung gelernt. „Kein Autobauer will Kodak sein“, sagt dazu Scott Le Vine, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Centre for Transport Studies am Imperial College London in einem Interview mit der New York Times. Le Vine spielt auf die Insolvenz des Fotografiekonzerns an, der die Entwicklung der Digitalkameras unterschätzt hatte und daraufhin pleite gegangen war.

Denn Carsharing, vor allem in Kombination mit smarter Technologie wie GPS-Ortung der Autos, Nutzung per Smartphone und Onlineplattformen, hat durchaus das Potential einer disruptiven Mobilitätstechnologie. Hier will die Autoindustrie keinen Trend verschlafen.

Darüber hinaus hoffen die Autobauer, dass die Millennials, die zahlenmäßig aktuell die größten Carsharing-Nutzer sind, in fünf bis zehn Jahren doch noch ein eigenes Auto kaufen und dann möglicherweise den Modellen treu bleiben, die sie schon im Carsharing fuhren.

Doch auch wenn sich vor allem das kommerzielle Carsharing international durchzusetzen scheint, sollte das private Carsharing, bisher eher das Stiefkind im Autoteilen, noch nicht völlig abgeschrieben werden. Zwar werden die Angebote bisher als ungenügend und kompliziert kritisiert, doch gibt es auch hier interessante Entwicklungen. Start-ups wie Getaway oder Turo nutzen moderne Technologien, um privates Carsharing bequem, flexibel, attraktiv und sogar lukrativ zu machen, sowohl für Autobesitzer als auch für Vermieter. Denkbar sind hier auch Bezahlmodelle für das Bereitstellen von Parkplätzen für Carsharing-Autos. Darüber hinaus erwarten die meisten mit Spannung, wie vor allem eine Entwicklung das Carsharing der Zukunft gestalten wird: autonome Fahrzeuge.

Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Potor, Marinela: „Future of Mobility: Quo Vadis, Carsharing?”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_204-future-of-mobility-quo-vadis-carsharing/ (abgerufen am 7/12/2018).

Zur Person


Potor, Marinela

Marinela Potor

Marinela Potor ist freie Journalistin und digitale Nomadin. Als jemand, der dadurch selbst sehr mobil ist, schreibt sie über Themen wie Arbeit 4.0, Digitalisierung und neue Formen der Mobilität. Seit 2016 ist sie Mitgründerin und Chefredakteurin des Onlinemagazins Mobility Mag

Ein Thema, mit dem Sie beruflich zu tun haben?


Anja Mutschler

Anja Mutschler

Managing Partner

Dann helfen wir Ihnen, auf dem Laufenden zu bleiben. Nimirum bespielt fundiert eine Bandbreite an Themen, die für Menschen und Märkte derzeit interessant sind. Abonnieren Sie unseren Infoletter, der Ihnen regelmäßig alle Insights zusammenfasst. Oder buchen Sie eine Research von Nimirum, die Ihnen komplett und maßgeschneidert dieses Thema aufbereitet. Schauen Sie hier, was wir im Angebot haben oder kontaktieren Sie Anja Mutschler direkt als Ihre Ansprechpartnerin für Research-Projekte.

Kontakt mit Anja Mutschler

Dieser Artikel ist ihnen etwas wert:

Diesen Artikel bewerten:

Weitere verwandte Artikel lesen


10 Leseempfehlungen von Dr. Christophe Fricker #218 – 19/12/2017

Zum Ende des Jahres hat Dr. Christophe Fricker, Managing Partner bei NIMIRUM und selbst Autor, Übersetzer und Literaturwissenschaftler, 10 Leseempfehlungen zusammengestellt. Egal ob als Last-Minute-Weihnachtsgeschenk oder Jahresrückblick auf 2017.

Hypermobility! NIMIRUM auf der Hypermotion #216 – 11/12/2017

Alfred Fuhr war für NIMIRUM auf der neuen Messe Hypermotion in Frankfurt und hat mit Beteiligten und Gästen über den Begriff der Hypermotion als Oberbegriff zu Mobilität, Logistik, Digitalisierung und Dekarbonisierung gesprochen. Bildquelle: Messe Frankfurt Exhibition GmbH.

Schluss mit der Sachlichkeit im Umgang mit „den Fremden“! #214 – 24/11/2017

Im November hat Dr. Christophe Fricker, Managing Partner von Nimirum, bei der Veranstaltungsreihe „Wirtschaft im Dialog“ über die Notwendigkeit eines mutigen Umgangs mit der Fremdheit gesprochen. Die Veranstaltung des Vereins Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen e.V. bot dabei auch die Möglichkeit zum Austausch zwischen den 70 Gästen.

5 Fragen an ... Anja Mutschler und Christophe Fricker #213 – 26/10/2017

Die Frage, ob Wissen käuflich ist, ist fast eine philosophische. Unstrittig ist jedoch, dass ein Wissensvorsprung im Geschäftsleben heute unabdingbar ist. Im Interview berichten die Gründer und Geschäftsführer von NIMIRUM, Anja Mutschler und Dr. Christophe Fricker, über die Illusion der neuen Datenwelt und darüber, dass Expertise auch heißen kann, den menschlichen Faktor zu berücksichtigen.

Kann Research nicht auch mal Spaß machen? #212 – 10/10/2017

Darf Forschung eigentlich Spaß machen? Christophe Fricker sprach mit DLR-Standortleiter und Raumfahrtexperte Professor Joachim Block. Und hört: Ohne Herzblut geht es nicht. Intellektuelle Leistungen brauchen Weitsicht und persönliches Engagement. Davon profitieren am Ende die Auftraggeber.

Wie sieht die Zukunft der Mobilität aus? #208 – 29/09/2017

Wir haben alle Veröffentlichungen der letzten Wochen zum NIMIRUM Themenboost Mobility hier abschließend zusammengestellt – Fachbeiträge von Experten, unser Audioboost sowie kommentierte Links zum Thema.

Future of Mobility: Wie wir urbane Mobilität gestalten #210 – 27/09/2017

„Um zu erfahren, wie urbane Mobilität auch anders gedacht werden kann, lohnt sich ein Blick in Städte wie Amsterdam“. Unser Experte Michael Weber und Kommunikationsdesignerin Eva Jahnen zeigen mit Ihrer Infografik eine Vision für die Städte der Zukunft, in denen die Lebensqualität der Menschen wieder im Vordergrund stehen.

Mobilität in China – ein Vorbild? #209 – 27/09/2017

Genau wie Deutschland investiert China in die Entwicklung von alternativen Antriebssystemen. Doch ganz im Gegensatz zu Deutschland scheinen Elektroautos in der Volksrepublik auch in der alltäglichen Verwendung realistisch angelegt zu sein.

Future of Mobility: Kampf der Mobilitätskulturen? #207 – 26/09/2017

Studien zur Zukunft der Mobilität fokussieren oft eine gutverdiendende, urbane Zielgruppe. NIMIRUM-Experte Gunter Heinickel erklärt, warum eine Verbreiterung der Perspektive auf vielen Ebenen notwendig ist, um die Anforderungen von Mobilitätslösungen zu identifizieren.

Haben Autos künftig ein Bewusstsein? #206 – 14/09/2017

Verkehrssoziologe Alfred Fuhr weiß, dass Autos nicht nur ein Bewusstsein haben, sondern auch betrügerische Taten vollbringen können. Darüber schreibt er in „Haben Autos künftig ein Bewusstsein? Ein vorausschauender Rückblick auf die IAA 2017 aus der Perspektive der automobilen Gesellschaft.“