Menü
Kontakt

Schluss mit der Sachlichkeit im Umgang mit „den Fremden“!
#214 24/11/2017 Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten.

Im November hat Dr. Christophe Fricker, Managing Partner von Nimirum, bei der Veranstaltungsreihe „Wirtschaft im Dialog“ über die Notwendigkeit eines mutigen Umgangs mit der Fremdheit gesprochen. Die Veranstaltung des Vereins Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen e.V. bot dabei auch die Möglichkeit zum Austausch zwischen den 70 Gästen.

Die sächsische Wirtschaft ist stark und wächst, aber sie leidet unter dem sich rapide verschlechternden Image des Landes, denn die Debatte darüber, wer fremd in Sachsen ist, schlägt weiter hohe Wellen. Fremdenfeindliche Angriffe, ob gewaltsam oder nicht, machen es sächsischen Unternehmen schwerer, Fachkräfte an sächsische Standorte zu ziehen. Der Verein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen e.V. unter Führung von Andreas von Bismarck nimmt diese Situation als Herausforderung an und leistet sowohl Lobby- als auch Aufklärungsarbeit, und vor allem bemüht er sich um einen Kultur- und Stimmungswandel. Diesem Ziel dient auch die Veranstaltungsreihe Wirtschaft im Dialog. Am 7.11.2017 sprach ich in diesem Rahmen zum Thema Fremdheit, und mein Titel „Schluss mit der Sachlichkeit!“ enthielt schon die Forderung, einander nicht immer nur Zahlen, Argumente oder Fäuste um die Ohren zu hauen, sondern auf zwischenmenschlicher Ebene ehrlich und mutig mit Fremdheit umzugehen. Meine Kernthese: Fremdheit ist keine Eigenschaft, sondern eine Erfahrung. Die Veranstaltung fand bei der itelligence Outsourcing & Services GmbH in Bautzen statt. Etwa 70 Gäste erlebten einen intensiven Austausch. Dazu gehörte eine Podiumsdiskussion mit der Sächsischen Staatsministerin für Integration und Gleichstellung, Petra Köpping, dem Bautzner Oberbürgermeister Alexander Ahrens und mir. Ebenfalls auf dem Podium waren Andreas von Bismarck und Guido Glinski, Geschäftsführer der MFT Motoren- und Fahrzeugtechnik, die anschließend sehr eindringlich von ihren eigenen unternehmerischen Erfahrungen im Umgang mit Behörden und ausländischen Arbeitskräften berichteten.


Mehr Wissen?

Mit einer Analyse von NIMIRUM können auch Sie individuelle Insights und Handlungsempfehlungen für Ihre Projekte nutzen.
Ihre Fragen. Unsere Antworten.


Mir war es wichtig zu sagen, dass wir im gegenwärtigen, aufgeheizten Klima nicht immer nur über Kennzahlen und auch nicht immer nur über Kategorien von Menschen reden sollten. Fragen auf der zwischenmenschlichen Ebene lauten: Was ist der Unterschied zwischen „eigen“ und „fremd“? Woran merken wir das? Wodurch entsteht der Eindruck von Fremdheit, und wie gehen wir damit um? Wieviel Eigenes brauchen wir, wieviel Fremdes gibt es immer? Warum klingen „fremd in Sachsen“ und „fremd im eigenen Land“ auch für Sachsen so unterschiedlich? In Anlehnung an den Philosophen Berhard Waldenfels habe ich diese Fragen mit acht thesenhaft zugespitzten Beobachtungen beantwortet:

  1. Niemand ist an sich fremd. Jemand ist mir fremd. Fremdheit ist keine Eigenschaft eines anderen Menschen, sondern eine Erfahrung, die ich mache.
  2. Das bedeutet, dass Fremdheit nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht. Wer mir fremd vorkommt, kann mich für normal, unauffällig, vertraut halten.
  3. Kein Mensch ist nur das, was uns fremd vorkommt.
  4. Das erste, was wir tun, wenn uns etwas fremd vorkommt, ist antworten. Redend, handelnd, grüßend, spuckend, schweigend, wie auch immer. Ich kann gar nicht nicht antworten. Das heißt: Ich handele nachträglich, aber ich kann etwas tun. Ich antworte immer. So oder so.
  5. Diese Antwort ist kein Vergleich. Vergleichen kann ich erst später. Dann tue ich so, als wäre ich eine unabhängige Instanz, die sagt: Ich mache das so, der macht das so. Ich bin so, der ist so. Ich schaue wie von außen auf mich, und ich distanziere mich von meiner eigenen Erfahrung. Wer in einem bestimmten Moment vergleicht, der antwortet nicht, und wer antwortet, der vergleicht nicht.
  6. Das bedeutet: Der Umgang mit Fremdheit hat im Kern wenig mit Informationen zu tun und viel mit Situationen. Ich kann ganz viel über jemanden wissen und ihm trotzdem Gewalt antun. Ich kann ganz wenig über jemanden wissen und trotzdem freundlich grüßen. Verständigung ist mehr als Kenntnisnahme.
  7. In der Antwort auf die Erfahrung der Fremdheit lernen wir auch etwas über uns selbst. Ich definiere mich neu, ich definiere mich genauer. Ich entdecke neue Seiten an mir.
  8. „Zur Erfahrung des Fremden gehört eine Fremdwerdung der eigenen Erfahrung“, die ihre Selbstverständlichkeit verliert. Insofern ist Fremdheit – die Freiheit, so oder so zu antworten – unbequem. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht tot sind – nicht im Himmel und nicht in der Hölle. Noch nicht fertig. Handlungsfähig. In einem Raum, den wir gestalten können. Das ist Ethik, nicht Politik. Menschlichkeit, nicht Sachlichkeit.

Meine Leseempfehlung zum Thema: Bernhard Waldenfels, Topographie des Fremden, erschienen 1997 im Suhrkamp-Verlag und für 14 Euro ein echtes Schnäppchen. Vor allem freue ich mich darauf, das Gespräch zum Thema fortzusetzen – mit Ihnen?

Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Fricker, Christophe: „Schluss mit der Sachlichkeit im Umgang mit „den Fremden“!”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_214-schluss-mit-der-sachlichkeit/ (abgerufen am 14/09/2018).

Ein Thema, mit dem Sie beruflich zu tun haben?


Christophe Fricker

Dr. Christophe Fricker

Managing Partner

Dann helfen wir Ihnen, auf dem Laufenden zu bleiben. Nimirum bespielt fundiert eine Bandbreite anThemen, die für Menschen und Märkte derzeit interessant sind. Abonnieren Sie unseren Infoletter, der Ihnen regelmäßig alle Insights zusammenfasst. Oder buchen Sie eine Research von Nimirum, die Ihnen komplett und maßgeschneidert dieses Thema aufbereitet. Schauen Sie hier, was wir im Angebot haben oder kontaktieren Sie Christophe Fricker direkt als Ihren Ansprechpartner für Research-Projekte.

Kontakt mit Christophe Fricker

Dieser Artikel ist ihnen etwas wert:

Diesen Artikel bewerten:

Weitere verwandte Artikel lesen


10 Leseempfehlungen von Dr. Christophe Fricker #218 – 19/12/2017

Zum Ende des Jahres hat Dr. Christophe Fricker, Managing Partner bei NIMIRUM und selbst Autor, Übersetzer und Literaturwissenschaftler, 10 Leseempfehlungen zusammengestellt. Egal ob als Last-Minute-Weihnachtsgeschenk oder Jahresrückblick auf 2017.

Hypermobility! NIMIRUM auf der Hypermotion #216 – 11/12/2017

Alfred Fuhr war für NIMIRUM auf der neuen Messe Hypermotion in Frankfurt und hat mit Beteiligten und Gästen über den Begriff der Hypermotion als Oberbegriff zu Mobilität, Logistik, Digitalisierung und Dekarbonisierung gesprochen. Bildquelle: Messe Frankfurt Exhibition GmbH.

5 Fragen an ... Anja Mutschler und Christophe Fricker #213 – 26/10/2017

Die Frage, ob Wissen käuflich ist, ist fast eine philosophische. Unstrittig ist jedoch, dass ein Wissensvorsprung im Geschäftsleben heute unabdingbar ist. Im Interview berichten die Gründer und Geschäftsführer von NIMIRUM, Anja Mutschler und Dr. Christophe Fricker, über die Illusion der neuen Datenwelt und darüber, dass Expertise auch heißen kann, den menschlichen Faktor zu berücksichtigen.

Kann Research nicht auch mal Spaß machen? #212 – 10/10/2017

Darf Forschung eigentlich Spaß machen? Christophe Fricker sprach mit DLR-Standortleiter und Raumfahrtexperte Professor Joachim Block. Und hört: Ohne Herzblut geht es nicht. Intellektuelle Leistungen brauchen Weitsicht und persönliches Engagement. Davon profitieren am Ende die Auftraggeber.

Wie sieht die Zukunft der Mobilität aus? #208 – 29/09/2017

Wir haben alle Veröffentlichungen der letzten Wochen zum NIMIRUM Themenboost Mobility hier abschließend zusammengestellt – Fachbeiträge von Experten, unser Audioboost sowie kommentierte Links zum Thema.

Future of Mobility: Wie wir urbane Mobilität gestalten #210 – 27/09/2017

„Um zu erfahren, wie urbane Mobilität auch anders gedacht werden kann, lohnt sich ein Blick in Städte wie Amsterdam“. Unser Experte Michael Weber und Kommunikationsdesignerin Eva Jahnen zeigen mit Ihrer Infografik eine Vision für die Städte der Zukunft, in denen die Lebensqualität der Menschen wieder im Vordergrund stehen.

Mobilität in China – ein Vorbild? #209 – 27/09/2017

Genau wie Deutschland investiert China in die Entwicklung von alternativen Antriebssystemen. Doch ganz im Gegensatz zu Deutschland scheinen Elektroautos in der Volksrepublik auch in der alltäglichen Verwendung realistisch angelegt zu sein.

Future of Mobility: Kampf der Mobilitätskulturen? #207 – 26/09/2017

Studien zur Zukunft der Mobilität fokussieren oft eine gutverdiendende, urbane Zielgruppe. NIMIRUM-Experte Gunter Heinickel erklärt, warum eine Verbreiterung der Perspektive auf vielen Ebenen notwendig ist, um die Anforderungen von Mobilitätslösungen zu identifizieren.

Haben Autos künftig ein Bewusstsein? #206 – 14/09/2017

Verkehrssoziologe Alfred Fuhr weiß, dass Autos nicht nur ein Bewusstsein haben, sondern auch betrügerische Taten vollbringen können. Darüber schreibt er in „Haben Autos künftig ein Bewusstsein? Ein vorausschauender Rückblick auf die IAA 2017 aus der Perspektive der automobilen Gesellschaft.“

Future of Mobility: Audioboost #205 – 14/09/2017

Zum Themenboost Zukunft der Mobilität und pünktlich zur Eröffnung der IAA spricht Anja Mutschler von NIMIRUM mit zwei Experten: Alfred Fuhr, führender Verkehrssoziologe in Deutschland, und Dr. Gunter Heinickel, langjähriger Mobilitätsforscher u.a. an der TU Berlin