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Der Wert der Gesundheit und die Notwendigkeit klarer Begriffe

Der Wert der Gesundheit und die Notwendigkeit klarer Begriffe
#233 27/03/2020 Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten.

„Die Coronakrise bedeutet für mich als Sprachexperte für Transformations- und Change-Prozesse, dass es auf die Klärung von Begriffen und auf neue Dialogformate ankommt, die uns dabei helfen, disziplinübergreifend unser Denken zu beobachten, die jeweiligen blinden Flecken zu entdecken und systematisch neue Erkenntnisse zu gewinnen, indem wir alte Denkmodelle in Frage stellen.“ - Eines unserer #expertstatements von Helmut Ebert.

#expertstatement Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Die Corona-Krise hat viele Seiten: Sie verunsichert und erschreckt; die Not verbindet die Menschen, auch wenn sie Abstand halten sollen; und wir sind von ihr überrascht, weil sich unser Alltag über Nacht verwandelt hat. Das sind die drei Folgen der Krise: sie macht uns Angst, sie schweißt uns zusammen, und kann helfen, Dinge neu „sehen“ zu lernen. Denn nichts wird nachher so sein, wie es vorher war. Wie wir die jetzige Situation kreativ in eine neue Situation überführen können, wissen wir noch nicht. Aber wenn es gelingt, dann hat die Sprache an diesem Transformationsprozess einen großen Anteil. Deshalb geht es im ersten Schritt immer um Rückbesinnung und um (Auf-)Klärung der Grundbegriffe einer Situation.

Was ist „Sprache“, und was ist „Gesundheit“?

Im Alltag denken wir in der Regel nicht über das nach, was wir meinen, wenn wir einen bestimmten Ausdruck verwenden. Wir nehmen an, die Wörter verstehen sich von selbst. Aber bei dem, was sich anscheinend von selbst versteht, verlieren wir oft das Wesentliche aus dem Blick. Ist die „Werbesprache“ wirklich eine Sprache? Kann man sich in einer Werbesprache unterhalten? Wir brauchen einen gemeinsamen Zeichenvorrat, um uns zu verständigen. Ist das so? Sind gemeinsame Bedeutungen nicht vielmehr das Ergebnis von Verständigungsakten? Wie käme sonst ein neuer Gedanke in die Welt? Was ist der Unterschied zwischen einer „Gesundheitskasse“ und einer „Krankenkasse“? Die Älteren erinnern sich noch an die Zeit der Umbenennung. Waren im Denkmuster der „Gesundheitskasse“ Fitnesstrainer die neuen Ärzte? Und hatte die Umbenennung Folgen für unser Verständnis von Gesundheit und für die Ressourcenverteilung in der Gesellschaft?

Sprachliche Situationsmodelle als Strategien der Krisenbewältigung

Im Ausdruck „Corona-Krise“ ist das Grundwort „Krise“ enthalten. Bei „Krise“ schwingt mit, dass es um einen Wendepunkt in einer kritischen Situation geht. Wir sprechen von einer krisenhaften Zuspitzung der Lage. Geht es schief, ist die Katastrophe da. Geht es gut, können wir gestärkt aus der Krise herausgehen, weil wir fähig waren umzudenken und umzulernen. Kurz, wir waren kreativ. Denn „kreative Prozesse gestalten nicht Dinge um, sie verändern Situationen“ . Im Alltag erfassen wir aber Situationen selten vollständig: Gefühle, Dinge, Wahrnehmungen, Gewohnheitsmuster und Gedanken tauchen stets als Aspekte bzw. Modalitäten der ganzen Situation auf. „Unsere Interessen, Zwecke und Ziele sind indes oft auf nur einen Aspekt der Situation gerichtet. Diese Fesselung unserer Achtsamkeit verleitet uns zu dem Irrtum: es existiere in diesem Augenblick nur dieser Aspekt“ (Brodbeck, Karl-Heinz (1995): Entscheidung zur Kreativität. Darmstadt: WBG, S. 90.).

Dazu zwei Statements zur aktuellen Krise: der Satz „Die Natur hat uns allen den Spiegel vorgehalten“ (Fredi Bobic, Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt) setzt einen ganz anderen Aspekt zentral als der Satz „Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“ (Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin). Im ersten Situationsmodell ist es die Natur, die dem Menschen Grenzen aufzeigt. Im zweiten Situationsmodell wird die Krise als eine „Herausforderung“ präsentiert, die es gilt anzunehmen und durch Solidarität (im Kampf gegen einen Mächtigeren) zu bestehen. In beiden Sätzen erscheint das Ereignis (Pandemie) als eine belebte Person: sie zeigt uns Grenzen auf (F. Bobic) bzw. fordert uns zum Kampf heraus (A. Merkel). Das erste Modell erscheint als passiv-resignative Einsicht in die menschliche Unvollkommenheit („Spiegel“ als Denkmodell der Selbsterkenntnis). Im zweiten Situationsmodell erscheint die Pandemie als eine schicksalhafte Bewährungsprobe mit angefügter Rezeptur für den guten Ausgang. Im ersten Situationsmodell geht es um Hochmut, im zweiten um Kampf und Solidarität. Gesundheit selbst ist nicht Teil dieser beiden Situationsmodelle. Damit sind wir bei der Frage nach dem Wesen und dem Wert der Gesundheit angekommen.

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Was ist Gesundheit und worin besteht ihr Wert?

In Krisenzeiten schwillt die öffentliche Kommunikation mächtig an und verstärkt die Unsicherheit, weil die Sprachspiele, die gespielt werden, kaum noch eingeordnet werden können. Wer spricht aus Geltungs-, Moral-, Macht- oder Sprechsucht, und wer spricht, weil er seiner Verantwortung gerecht werden muss oder nach Erkenntnis sucht? Es kann nicht schaden, sich in der jetzigen Krise zu besinnen und den Ethiker und Philosophen Julius Moravcsik (1931 – 2009) zu Wort kommen zu lassen.

Moravcsik geht es darum, den Begriff der Gesundheit im „Reich der Werte“ einzubürgern. Er verbindet begriffliche und empirische Argumente, um den Wert der Gesundheit zu bestimmen und um daraus Schlüsse zu ziehen für das gesellschaftlich-politische Problem der Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen. Seine wichtigsten Annahmen lauten:

  1. Gesundheit ist kein Teil von uns wie unser Herz oder unser Geist, doch gehört sie zur menschlichen Natur und ist eine Mindestvoraussetzung für das Überleben eines Menschen, weshalb Gesundheit ein intrinsisches Gut und ein höchster Zweck zugleich ist.

  2. Als Gut kann Gesundheit weder mit Bezug auf reine Nützlichkeit noch auf moralische Verpflichtung bestimmt werden. Gesundheit ist intrinsisch wertvoll für Wohlergehen und wesentliche Voraussetzung für die Verwirklichung vieler menschlicher Veranlagungen.

  3. Gesundheit ist kein Gut, das Konkurrenz einschließt. Allerdings sind zu ihrer Erhaltung finanzielle Mittel erforderlich, die nicht unbegrenzt sind. Daraus entsteht ein Verteilungsproblem, mit dem wieder Ansprüche verbunden sind, die Individuen an eine Gesellschaft stellen. Es geht nicht darum, wie in einem Geschäft Dinge zu verteilen, die die Leute wünschen.

  4. Menschen sind geistig und emotional autonom. Die Medizin hat die Aufgabe, ihnen bei der Aufrechterhaltung dieser Autonomie zu helfen. Wer die Anlagen eines Menschen beurteilen will, muss mit ihm persönlich in Kontakt treten. Daher sind all jene profitorientierten medizinischen Institutionen unannehmbar, die dem behandelnden Arzt das Entscheidungs- und Sorgerecht wegnehmen und die Autorität zum Fällen von Entscheidungen an Personen übertragen, die mit dem Patienten selbst nichts zu tun haben.

  5. Wenn wir über die Verteilung von Ressourcen nachdenken, müssen wir das Leben als Ganzes berücksichtigen. Deshalb brauchen wir einen klaren Begriff von der „Gestalt des Lebens“. Das Denkmuster „Leben ist eine Zeitspanne“ führt uns in die Irre. Das Denkmuster „Gesundheit ist wie eine Pflanze“ führt hier weiter: Wenn zur rechten Zeit das Richtige getan wird, so wird die Pflanze später all ihre natürlichen Anlagen auch ohne Eingriffe von außen verwirklichen.

  6. Entscheidende Faktoren sind nicht mit Geld zu bezahlen: das sind tief verwurzelte Einstellungen wie Hingabe, echtes Interesse für den Patienten, Fürsorge, Achtung und Vertrauen. Derlei Einstellungen lassen sich nicht auf Verhaltensfragen reduzieren, geschweige denn, dass sie von heute auf morgen verwirklicht werden könnten, indem einfach mehr Geld für Gehälter und Ausstattung ausgegeben wird.

  7. Zu den o.g. Faktoren gehört auch eine hilfsbereite sozio-ökonomische Gemeinschaft, die willens ist, jene Ressourcen bereitzustellen und in der Gesellschaft zu sichern, die für eine Medizin im beschriebenen Sinne notwendig sind. Dies lässt sich nur mit Leuten verwirklichen, die nicht kurzzeitige Bedürfnisbefriedigung und kurzfristigen Profit im Auge haben. Wer Verantwortung für ein Gesundheitssystem trägt, muss bereit sein, über die unmittelbare Zukunft hinauszublicken.

Moravscik weist auch darauf hin, dass Gesundheit von Kontextbedingungen abhängt. Unter verschiedenen Umständen gelten jeweils andere Bedingungen als notwendige Mittel für die Aufrechterhaltung der Gesundheit.

Kann Sprache uns aus Krisen herausführen?

Die Corona-Krise bedeutet für mich als Sprachexperte für Transformations- und Change-Prozesse, dass es auf die Klärung von Begriffen und auf neue Dialogformate ankommt, die uns dabei helfen, disziplinübergreifend unser Denken zu beobachten, die jeweiligen blinden Flecken zu entdecken und systematisch neue Erkenntnisse zu gewinnen, indem wir alte Denkmodelle in Frage stellen. Das Nachdenken über den Begriff der Gesundheit soll dabei helfen, uns aufzuwecken. Es gibt keinen Grund dafür, im Alltag die für unser Leben wichtigen Begriffe nicht zu hinterfragen. Dazu ist es jedoch erforderlich, das richtige „Sprachspiel“ zu finden und die passenden „Mitspieler“. Wenn es in einem Gespräch um Erkenntnisgewinn geht, ist das ein anderes Sprachspiel, als wenn es um Lustgewinn (Unterhaltung) geht. Ferner braucht es „Spielregeln“ für echte Gespräche. In echten Gesprächen sind die Gesprächsteilnehmer in der Lage ihr Denken zu beobachten und kollektiv denken zu lernen. „Spielregeln“ sind u. a.: das Gespräch verlangsamen, aus einer Rolle heraustreten können, die Prämissen hinter den Meinungen entdecken oder Gefühle in der Schwebe halten, statt sich von ihnen zum nächsten Gesprächsbeitrag hinreißen zu lassen.

Hier geht es zu unseren weiteren #expertstatements
Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Ebert, Helmut: „Der Wert der Gesundheit und die Notwendigkeit klarer Begriffe”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_233-der-wert-der-gesundheit-und-die-notwendigkeit-klarer-begriffe/ (abgerufen am 28/05/2020).

Zur Person


Ebert, Helmut

Helmut Ebert

Prof. Dr. Helmut Ebert studierte Germanistik, Psychologie und Kommunikationswissenschaften an der Universität Bonn. Nach seiner Habilitation über Unternehmensleitbilder folgen Gastprofessuren für Unternehmenskommunikation an der TU Chemnitz und an der Universität Innsbruck. Seit 2004 ist Ebert außerplanmäßiger Professor für Organisationskommunikation an der Universität Bonn, seit 2011 Independent Professional des Seminars Medienwissenschaft im Institut für Kulturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau. Seine Schwerpunkte sind Kommunikations-Optimierung und Image-Management. https://www.transformationsdialog.com/

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