Menü
Kontakt
Expertenwissen in der Kommunikation – Aufwind nach Coronakrise?

Expertenwissen in der Kommunikation – Aufwind nach Coronakrise?
#237 15/04/2020 Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten.

„Die Wissenschaft hat in der Coronakrise getan, was sie am besten kann: auf Grundlage akademischer Erkenntnisse erörtern, wie die Lage zu bewerten ist und welche Handlungsempfehlungen getroffen werden können. Aus Sicht der Wissenschaft. Nicht: aus Sicht der Bevölkerung. Oder der Politik. Oder der Wirtschaft.“ - Eines unserer #expertstatements von Anja Mutschler.

#expertstatement Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Wissenschaft und Öffentlichkeit lernen in der Coronakrise viel voneinander: Wie handlungspraktisch kann – und darf – Wissenschaft in ihren Aussagen werden? Was wiederum kann – und muss – Wissenschaft an Handlungseinsicht mit bedenken, bevor sie sich äußert? Kurzum: Was ist wissenschaftlicher Rat „am Ende“ wert?

Eine Frage mit Sprengkraft. Sie wird nicht 2020 zum ersten Mal gestellt, der „Impact“ von Wissenschaft ist seit Jahren Gegenstand leidiger Förderdebatten. Aber, vielleicht zum ersten Mal wird sie von so vielen gestellt. Denn der Coronavirus Sars-CoV-2 ist ein Alle-Virus – Jede und jeder ist davon betroffen, gesundheitlich, ökonomisch, emotional. Und was die allermeisten von „allen“ suchen, ist: Gewissheit.

Gewissheit wiederum ist keine wissenschaftliche Kategorie. Auszuhalten, dass wir nicht alles wissen, oft nur “wissen, was wir nicht wissen”, ist eine Grundvoraussetzung, um wissenschaftlich tätig zu sein. Wissenschaftliche Neugier ist ein hohes Gut. Sie ist der Motor großartiger Entdeckungen. Und wirklich jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler, der am Coronavirus derzeit forscht, zeigt uns allen, wozu diese akademische Neugier nützlich ist.

Eine zweite Grundvoraussetzung in der Wissenschaft ist das Wissen um die Beschränktheit seines Wissens – in der Regel kennen Forscher:innen sich in wirklich nur sehr kleinen Bereichen „richtig” gut aus. Christian Drosten hat das in einem seiner Podcast-Rants – verschiedentlich hatte er dort vor einer Überschätzung seiner Rolle gewarnt – darauf hingewiesen, dass er nur deshalb diesen Podcast mit einem guten Gefühl mache, weil er genau zu dieser Art Coronavirus wirklich viel wisse.

Ich kann seit der Schule kein Mikroskop mehr bedienen wie die meisten der Millionen Deutschen nicht, und mein Crashkurs in Statistik in den letzten Wochen offenbarte peinliche Lücken. Ich habe keinen Überblick über den neuesten Stand der pädagogischen, soziologischen oder psychologischen Forschung, und den Analysen der Ökonomen kann ich lediglich gediegenes Zeitungswissen entgegensetzen. Ich bin schon froh dieser Tage, dass politische Ideengeschichte eine meiner Lieblingsvorlesungen war und die politischen Implikationen des Ausnahmezustandes einigermaßen sicher einordnen kann. Ansonsten bin ich das, was ich seit 15 Jahren bin: eine Kommunikationsfachfrau mit einer Art eigenem Wikipedia: der Expertcommunity von NIMIRUM, in der hunderte von Fachleuten in ebenso vielen Gebieten sachlich besser Bescheid wissen als ich.

Solidaritätsrabatt


​​Unser Solidaritätsrabatt von 20% soll Ihre Buchungsfreude anregen, um unseren freiberuflichen Expertinnen und Experten Aufträge zu verschaffen. Natürlich nehmen wir die Mehrkosten auf unsere Kappe. Das ist unser kleiner Beitrag in beunruhigten Zeiten, die für viele existenziell ist.


Vor diesem Kontext finde ich die akademischen Scharmützel zwischen Virologen vollkommen nachvollziehbar, distanziere mich aber gleichzeitig – wie die meisten Kolleg:innen aus der Kommunikation – von den Machern des „Heinsberg-Protokolls”, das es mit Sicherheit in ein PR-Handbuch schaffen wird als schlechtes Beispiel von Propaganda-PR. Für mich sind die akademische Debatte zwischen z.B. Drosten und Streeck und die Frage der Rechtmäßigkeit von Storymachine’s PR zwei getrennte Debatten: Die Virologen streiten sich um wissenschaftliche Methodik, die PR-Branche um die Legitimität und Grenzen ihrer Zunft. Zwei Expertenkreise treffen aufeinander: ein wissenschaftlicher und ein praktischer, ein akademischee und ein branchenspezifischer. Insbesondere auf Twitter (weniger in etablierten Medien) werden diese beiden Diskussionen miteinander vermengt, so dass, wenn wir nicht aufpassen, das Ergebnis der Gangelt-Studie am Ende heißen wird: „Allein, dass Storymachine die Heinsberg-Studie begleitet hat, zeigt, dass sie akademisch fragwürdig ist.” Es wäre nicht das erste Mal, dass im Rahmen einer Debatte um die Gültigkeit von wissenschaftlichen Aussagen sachliche und praktische Ebenen vermengt werden – was, Entschuldigung, Unfug ist.

Ähnlich geht es mir mit der hitzigen Debatte um Sinn und Unsinn der aktuellen Adhoc-Stellungnahme zur Pandemie, die die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina am 13. April veröffentlicht hat: Jedes Land, das akademisch etwas auf sich hält, hat eine Akademie wie die Leopoldina, die in guter „alter” Tradition in ihrem Fachgebiet etablierte Wissenschaftler:innen zusammenbringe, um relevante Aspekte interdisziplinär zu betrachten: ethische Fragestellung in der Palliativmedizin können darunter genauso fallen wie Stellungnahmen zu gesellschaftlich relevanten Trends in Bildung oder Gesundheit. Meine persönliche Einschätzung war, dass mit der interdisziplinär erarbeiteten Adhoc-Stellungnahme über Ostern ein humanistischer Kraftakt volllzogen wurde, in der die Wissenschaft das getan hat, was sie am besten kann: Auf Grundlage akademischer Erkenntnisse erörtern, wie die Lage zu bewerten ist und welche Handlungsempfehlungen aus Sicht der Wissenschaft getroffen werden können.

Aus Sicht der Wissenschaft.

Nicht: Aus Sicht der Bevölkerung. Oder der Politik. Oder der Wirtschaft.

Und ebenso wenig mit Blick auf kluge Kommunikationsstrategie.

Als Kommunikationsberaterin hätte ich freilich auch auf den „Thomas-Effekt“ hingewiesen, die Tatsache also, dass die öffentliche Meinung kein Gremium akzeptiert, in dem zu wenig Frauen anwesend sind.

Als Kommunikationsberaterin hätte ich wahrscheinlich auch die Handlungsempfehlungen vor dem Hintergrund der betroffenen Interessensgruppen durchgespielt und einige Re-Paraphrasierungen empfohlen.

Als Kommunikationsberaterin hätte ich möglicherweise auch vor falsch-politisch deutbaren Aussagen wie wirtschaftspolitischen Erwägungen gewarnt.

Als Kommunikationsberaterin hätte ich, das ist ganz sicher, darum gebeten, dass sich jede einzelne Person vor Veröffentlichung des Statements mit der Tatsache auseinander setzen muss, wer die Empfänger der Nachricht sind: nicht andere Wissenschaftler:innen. Sondern wir alle. Nicht studiert. Alleinerziehend. Arm. Oder reich. Oder Migrant. Oder begriffsstutzig. Oder oder oder.

Vor allem hätte ich gesagt: Sagt in jeglicher Hinsicht und überall laut und deutlich, dass dies Empfehlungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse sind und die eigentliche Anwendung den Praktikern obliege, die vor einem ganz anderen Hintergrund: mit Blick auf Partikulargruppen, entscheiden. Denn natürlich sagen dies die Beteiligten, aber sie sagen es nicht laut genug. Nicht oft genug. Nicht entschieden genug.

Vielleicht wirkt es banal ist für eine:n Wissenschafler:in. Solche Verständlichmachung muss aber zum ABC der Wissenschaftskommunikation gehören.

Die Coronakrise ist eine, wenn nicht die, Chance für wissenschaftliche Expert:innen, die gesellschaftliche Relevanz akademischer Forschung aufzuzeigen. Versemmelt es nicht! Bitte.

Dieser Beitrag wurde auch beim PR-Journal veröffentlicht
Lesen Sie auch unsere anderen #expertstatements
Wir empfehlen Ihnen folgende Zitierweise:
Mutschler, Anja: „Expertenwissen in der Kommunikation – Aufwind nach Coronakrise?”, unter: https://www.nimirum.info/insights/b_237-expertenwissen-in-der-kommunikation-aufwind-nach-coronakrise/ (abgerufen am 8/07/2020).

Ein Thema, mit dem Sie beruflich zu tun haben?


Anja Mutschler

Anja Mutschler

Inhaberin

Dann helfen wir Ihnen, auf dem Laufenden zu bleiben. Nimirum bespielt fundiert eine Bandbreite an Themen, die für Menschen und Märkte derzeit interessant sind. Abonnieren Sie unseren Infoletter, der Ihnen regelmäßig alle Insights zusammenfasst. Oder buchen Sie eine Research von Nimirum, die Ihnen komplett und maßgeschneidert dieses Thema aufbereitet. Schauen Sie hier, was wir im Angebot haben oder kontaktieren Sie Anja Mutschler direkt als Ihre Ansprechpartnerin für Research-Projekte.

Kontakt mit Anja Mutschler

Dieser Artikel ist ihnen etwas wert:

Diesen Artikel bewerten:

Weitere verwandte Artikel lesen


Corona-Pandemie in Lateinamerika: Gesundheitskrise durch soziale Ungleichheiten #250 – 25/06/2020

„In Lateinamerika verschärfen sich soziale Ungleichheiten und die Gesundheitskrise gegenseitig, auch weil Anti-Corona-Maßnahmen die soziale Realität der Bevölkerung nicht anerkennen. Die Krise legt die bestehenden Ungleichheiten offen und macht die Notwendigkeit struktureller Reformen deutlich.“ Eines unserer #expertstatements von Dr. Mona Nikolić.

Kunst findet statt, egal unter welchen Umständen #249 – 16/06/2020

Warum die Kunst vor Corona nichts zu befürchten hat, außer sich selbst. Eines unserer #expertstatements von Moritz Eggert: „Schon vor Corona wurde tatsächlich in Deutschland sehr, sehr viel Geld für Kultur ausgegeben, und es zeichnet sich nicht ab, dass hier ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel ins Haus steht. Keine Seuche der Weltgeschichte hat je dauerhaft die Kultur zerstört – ganz im Gegenteil, nach der Überwindung einer Seuche gab es normalerweise sogar eher Blütezeiten der kreativen Produktivität. Kunst findet statt, egal unter welchen Umständen.“

Content Marketing aus dem Remote: Ansätze für die agile Content-Produktion im Homeoffice #248 – 11/06/2020

„Für den Newsroom bieten die Auswirkungen der COVID19-Pandemie wesentliche Chancen der Weiterentwicklung: Konsequent zu Ende gedacht, wird aus dem physischen Ort eine agile Content-Planungs- und Produktionszentrale für Marketing und Corporate Communications für die es unerheblich ist, ob das Team im Unternehmen oder im Remote arbeitet. Dies gelingt jedoch nur, wenn das gesamte Team gemeinsam an der Transformation arbeitet und diese mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung trägt. Die eingesetzten Tools unterstützen dabei, den Wirkungsgrad der Arbeit im Remote deutlich zu erhöhen.“ - Eines unserer #expertstatements von Philipp Dieterich.

Covid-19 und Museen – „In Umrissen lässt sich das digitale Museum bereits ausmachen“ #247 – 9/06/2020

„Der Begriff der ‚Digitalen Strategie‘ bleibt aber eine merkwürdige contradictio in adiecto. Strategien zielen auf Langfristigkeit, Planung und die Sicherheit strukturierter Abläufe, während das Digitale durch kurze Aufmerksamkeitszyklen, rapide technische Entwicklungen und ständiges Experimentieren mit neuen Möglichkeiten bestimmt ist. Um diesen Widerspruch aufzulösen, sollte der Fokus tatsächlich weniger auf dem Digitalen, sondern vor allem auf den Mitarbeiter*innen von Museen liegen. Sinnvolle Strategien sollten vor allem auf den breiten Aufbau von Digital Literacy und agiler Methodenkompetenz zielen.“ - Eines unserer #expertstatements von Dr. Johannes C. Bernhardt.

Die Zeit der Entspannung: (Digital) Health und Wellness als Themen der Zukunft #246 – 4/06/2020

„Was zuerst eine Zwangsentspannung war, wird zukünftig einen deutlichen Einfluss auf unser Leben haben – und die Themen Gesundheit und Wellness erlangen als Folge dieser Gesundheitskrise eine größere Bedeutung für die Menschen.“ - Eines unserer #expertstatements von Dr. Astrid Nelke.

The pandemic is transforming the market for art. Existing power structures are eroding – to the benefit of artists and buyers #245 – 2/06/2020

“Corona facilitates what was long overdue: It enforces the transformation of the art world and helps to democratise the art market by opening it up to the public. Digital access to art enforces transparent prices and enables everybody to buy great art at a fair price. That makes the art market accessible for everyone.“ - One of our #expertstatements from Dr. Ruth Polleit-Riechert.

Die Diversität des Erlebens. Chronisch krank in Zeiten der Krise #244 – 27/05/2020

„In dieser Krise herrscht eine große Diversität des Erlebens: Die einen langweilen sich, die anderen kämpfen ums Überleben. Erstere möchten nicht selten glauben, gefeit zu sein, und fordern, Einschränkungen nur noch für Risikogruppen gelten zu lassen. Diskriminierung also. Ausgrenzung. Wollte Deutschland nicht ein Sozialstaat sein, um soziale Gerechtigkeit bemüht?“ - Eines unserer #expertstatements von Ilka Baral.

#Expertstatements – eine Zwischenbilanz nach 25 Beiträgen #243 – 12/05/2020

„Funktioniert Infotainment in einer Welt, in der #FakeNews objektive Debatten an den Rand drängen und wissenschaftliche Erkenntnisse unter Druck geraten? Unsere #Expertstatements zeigen mir: Ja. Erfahrungswissen als pointierte Meinung ist ein gutes Format, um Orientierung zu bieten. Allerdings müssen knowledge worker die Gesetze von Social Media verstehen lernen – denn die digitale Informationsgesellschaft lebt maßgeblich vom Mitmachen“ – Eine Zwischenbilanz zu unseren #expertstatements von Anja Mutschler.

Wie verändert Corona unsere Mobilitätswelt? Eine Branche zwischen Angst, Vermutungen und Hoffnung #242 – 7/05/2020

„Was macht die Covid-19-Pandemie mit der Mobilitätsbranche, wenn wir kaum noch mobil sein können, wollen und sollen? Wie verändert das langfristig die Einstellung und das Verhalten der Verbraucher zu einzelnen Verkehrsmitteln? Dazu gibt es weder erprobte Theorien noch vorgefertigte Antworten. Doch es gibt uns die Chance, gemeinsam neue Lösungen zu finden!“ - Eines unserer #expertstatements von Marinela Potor.

Unsichtbares und der visuelle Kontext der Welt – wie Corona die Fotografie verändert #241 – 5/05/2020

„Die Coronakrise verändert nicht nur Bedingungen für die ganze Fotobranche, sondern die visuellen Erfahrungen jedes einzelnen. Alltägliches erregt Aufmerksamkeit und Konstrukte von Viren kommen ins Blickfeld. Unsichtbares verändert unseren visuellen Kontext der Welt. Das wird die Fotografie auf lange Jahre prägen!“ - Eines unserer #expertstatements von Fabian Haas.