„Messeblindzeiten“ – Chancen und Risiken virtueller Messen und Events

„Schon heute haben wir Simulationen, die uns das Abbild eines Menschen und seine Stimme ins Büro zaubern. Ohne Kosten, ohne Gedränge, ohne Fußschmerzen bei Besuchern und Standpersonal. Auch ohne das Virus lässt sich erkennen, dass Messen wie handgeschriebene Briefe zum Luxus werden. Diesen Luxus sollten wir – wenn wir wieder dürfen – auf der nächsten Messe sehr bewusst genießen.“ - Eines unserer #expertstatements von Alfred Fuhr.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Wie viele andere auch, scheinen die Veranstalter von Messen derzeit immer noch davon auszugehen, dass es einen Tag X geben werde, ab dem alles wieder so sein wird wie früher, das heißt in der Messewelt, dass sich Messe und Virtualität gegenseitig ausschließen. Im Messelexikon finden wir unter „Virtuelle Messe“: „Die Bezeichnung ‚virtuelle Messe‘ für elektronische Produkt- und Unternehmenspräsentationen im Internet ist aus Sicht des AUMA irreführend, da diesen wesentliche für Messen typische Eigenschaften wie die unmittelbare persönliche Begegnung und Kommunikation, die emotionale und sinnliche Erfahrung von Produkten und Marken sowie der Eventcharakter fehlen. Elektronische Plattformen, Ausstellerverzeichnisse oder andere Online-Anwendungen werden von Messeveranstaltern häufig als begleitende Services zur realen Messe angeboten. Im Geschäftsfeld Recruiting und Aus- und Weiterbildung gibt es von verschiedenen Anbietern immer häufiger Online-Plattformen, die das Messegeschehen nachempfinden.“

Messen werden derzeit „verschoben“ – nicht selten auf den Sanktnimmerleinstag.

Heute sollte eigentlich die Mutter aller Industriemessen, die Hannover Messe, beginnen. Einzelne Aussteller versuchen gerade, virtuelle Auftritte ins Netz zu stellen. Was ist von diesen Kompensationsanstrengungen zu halten? Sind Messen virtualisierbar? Oder muss vielmehr das gesamte Konzept Messe neu gedacht werden? Ja, muss es. Bereits vor dem Cornona-Lockdown zeichneten sich krisenhafte Entwicklungen ab. Die CeBit ist tot, die Automesse Leipzig ist tot, und die IAA wandert von ihrem Traditionsstandort nach München ab. Premium-Marken schrumpfen ihre Auftritte. Wie soll es also weitergehen?

„[Es wird nicht reichen], eine Internetseite mit Firmenlinks einzurichten – jedes Produkt bedarf einer animierten Aufbereitung und/oder die Möglichkeit, via Skype, Face-Time, Zoom oder ähnlichem direkt mit dem Anbieter in Verbindung zu treten. Die virtuelle Messe hat nur dann eine Chance, wenn sie den Haupt-Kundeninteressen durch eine animative und fesselnde Gestaltung entspricht und greifbare Vorteile bietet (z.B. eine Fahrt in einem der ausgestellten Automobile, die Möglichkeit, einen Gegenstand auseinanderzunehmen)“ (Johannes Hübner, Publizist und Oldtimer-Event-Anbieter) Das alles hat seinen unvermeidlichen Nachteil: Der Verlust jeglicher Diskretion beim Messebesuch, denn wenn man sich einloggt, wird man sichtbar und detektierbar, Wege können nachvollzogen werden bis hin zu Aufenthaltsort und Dauer, es wird bestimmbar, wie nah man sich beim Gespräch gekommen ist. Was uns beim Zerstören von Infektionsketten nützlich erscheint, kann im Geschäft störend, ja gefährlich sein.

Physical Distancing – Ablenkung trotz Anwesenheit

Mit dem Wort „Verkehrsblindzeiten“ beschreibt man in der Verkehrssicherheitsforschung die tödliche Gefahr, die entsteht, wenn man während der Fahrt mit dem Smartphone textet. Eine Überforderung. Man ist unterwegs im Netz und auf der Straße gleichzeitig. Hybrid.

Abgesehen von der Frage, warum Menschen das machen, ist es erst durch die Komfortausstattung unserer Autos möglich geworden, denn diese Komfortausstattung hat die Virtualisierung der Fahrwahrnehmung mit sich gebracht: Wie auf einem unsichtbaren Leitstrahl geführt, fühlt sich der Fahrer gelenkt. Man steigt ein und ist gedanklich bereits am Ziel. Was dazwischen liegt, z. B. der reale Weg des Handelsvertreters zum Kunden, ist ausgeblendet. Nun sollen wir aber dank Corona nur noch auf dem elektronischen Leitstrahl und durch das Netz geführt werden. Wir sollen virtuelle Messen auf unseren Rechnern besuchen und wir halten unsere Konferenzen online ab. Und nebenbei ermöglichen wir ganz vielen ungebetenen Besuchern den Zugang zu den Daten auf unseren Rechnern. Am Verkehr und der Gefahr der Verkehrsblindzeiten lässt sich vielleicht studieren, wo die Chancen und Risiken virtueller Begegnungen auf einer der vielen virtuellen Messen liegen, und wie „Messeblindzeiten“ vermieden werden können. Schon heute nervt es, wenn man bei einer Skype-Konferenz erwischt wird, wie man bei der spannenden Präsentation nebenbei Solitär spielt.

Rein analoge Messen – auch das lässt sich festhalten – wird es nicht mehr geben. Innovative Hybridformen haben sich bereits herausgebildet. Dort gibt es das Beste aus beiden Welten, W-Lan für die digitale Anbindung und Kaffee für die Besucher. Small-Talk und der Visitenkartenaustausch als Ergebnis blieben möglich. Beides fungierte als Arbeitsnachweis für gute Gespräche und verschaffte Besuchern und Ausstellern neue Leads und neue Adressen. Weitere Vorteile: Ticketverkauf und Vorberichte über das Netz, digitale Leitsysteme auf dem Smartphone und eine App für Verabredungen sind digitale Serviceleistungen. Für die richtige Stimmung und das Erlebnis gibt es 3-D-Anwendungen, VR-Brillen, Live-Musik und Gaukler.

Wie also wird sich die Geschäftsanbahnung auf Messen und die Kontaktaufnahme unter Fremden weiterentwickeln? Das interessiert die Messebranche seit es Messen gibt.

Nimirum-Panel Forum Virtualis

Johannes Hübner und ich haben uns auch darüber Gedanken gemacht:

„Die AUMA sollte einen einheitlichen Präsentationsstandard und möglichst einheitliche Kommunikationsformate festlegen, damit Präsentationen mit verschiedenen Events kompatibel sind.

Dazu gehört auch eine empfehlende Definition der beim Nutzer einzusetzenden Peripheriegeräte (Smartphone, PC, Whiteboard, 3-D-Brille etc.) samt Steuerungssoftware (wie QR-Codes, Sprachsteuerung, Cursor, Gestik etc.)

Das erfordert einen so hohen Hard- und Software-Einsatz, dass es empfehlenswert scheint, für das Forum Virtualis einen eigenen internationalen Standard zu entwickeln, der die Investitionen auf eine breite, weltweit nutzbare Basis stellt. Ein Forum Virtualis wird dann tatsächlich jederzeit und überall durchführbar sein.“

Wo würden wir heute stehen, wenn sich niemand auf den Weg gemacht hätte, auch die Messe smartphonegerecht zu machen? Das Internet ermöglicht ja erst Virtuelle Events, Online-Begegnungen und vielleicht wird man in Zukunft seinen Avatar wie auf einem Holodeck auf die 3-D-Messe schicken. Dort trinkt er dann mit dem Avatar eines Aussteller-Mitarbeiters einen Kaffee und man führt alle Gespräche von zu Hause aus. Seit der Erfindung des Telefons wird es schließlich immer unwichtiger, irgendwo real anwesend zu sein. Ich sitze nicht mehr vor dem Bildschirm, ich bin wie damals Boris Becker schon drin und folge der 3-D-Animation eines Vortrages auf dem Smartphone, gehalten von Avataren.

Schon heute haben wir Simulationen, die uns das Abbild eines Menschen und seine Stimme ins Büro zaubern. Ohne Kosten, ohne Gedränge, ohne Fußschmerzen bei Besuchern und Standpersonal. Auch ohne das Virus lässt sich erkennen, dass Messen wie handgeschriebene Briefe zum Luxus werden. Diesen Luxus sollten wir – wenn wir wieder dürfen – auf der nächsten Messe – sehr bewusst genießen.

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Alfred Fuhr
Zur Person
Alfred Fuhr ist Verkehrssoziologe, leitete von 1998 bis 2010 das AvD-Institut für Verkehrssoziologie und veröffentlichte verschiedene Forschungsarbeiten. Seit 2011 ist er freiberuflich als Berater mit dem Spezialgebiet Verkehr und Mobilität und berät unter anderem das Projekt Energie City Leipzig. Mit seinem Bureau für Kundensoziologie „Das Fuhrwerk“ leistet er Risikofeststellungen zu allen Themen der Verkehrssicherheit, (Geisterfahrerunfälle, illegale Autorennen, Gaffer, Ablenkung durch Smartphone etc.) und veröffentlicht O-Töne, Hörfunkbeiträge, Interviews und Beiträge zu Elektromobilität, Selbstfahrenden Autos, Datensouveränität und Verbraucherschutz.
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