Unsichtbares und der visuelle Kontext der Welt – wie Corona die Fotografie verändert

„Die Coronakrise verändert nicht nur Bedingungen für die ganze Fotobranche, sondern die visuellen Erfahrungen jedes einzelnen. Alltägliches erregt Aufmerksamkeit und Konstrukte von Viren kommen ins Blickfeld. Unsichtbares verändert unseren visuellen Kontext der Welt. Das wird die Fotografie auf lange Jahre prägen!“ - Eines unserer #expertstatements von Fabian Haas.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Das Coronavirus zerstört nicht nur Lunge und Herz, es ändert ebenfalls die Bedingungen für die ganze Kreativbranche, und natürlich auch für Fotografen. Reisen, Events, Geschichten und aufwändige Shootings mit Models an exotischen Plätzen sind nicht mehr möglich. Ein Foto entsteht viel eher daheim als an fremden Orten. Der Nahbereich wird entdeckt, vom Teleobjektiv zum Makroobjektiv.

Geschichten werden weiter erzählt, aber sie werden nicht mehr gefunden und dokumentiert, sondern konstruiert. Besonders beliebt sind Figuren, die, bevor das Handy zum Technikspielzeug wurde, für die Modelleisenbahn produziert wurden. Sie bilden das ganze Lebensspektrum ab und auch Krisensituationen. Polizei, Feuerwehr, Krankenpfleger und Ärzte finden sich im Programm der Hersteller und verstärkt im Schrank von Fotografen. Street Photographie im Kleinen.

So auch bei mir, ich nutze die Zeit zuhause, sorgte mit der Konzentration aufs Kleine für die Ablenkung vom Großen und doch brachte sich die Welt wieder zurück in mein Studio. Ich wollte die Widersprüchlichkeit der Situation, der Maßnahmen ins Bild setzen und stellte Menschen im Vollschutz – Frauen und / oder Männer, man weiß es ja nicht – mit Arbeitenden und Kunden zusammen. Eine Kombination, die im Februar noch vielleicht unverstanden geblieben wäre – soll das ein Gasleck sein? – wurde nun als unsere ureigenste Katastrophe sofort verstanden.

Nach mehreren Wochen in der Quarantäne setzt die Gewöhnung ein, ein stillschweigendes Arrangement mit der Realität und, ganz in Sinne von Loriot, glitzerte es mir einfach zu wenig. Corona ist nicht vorbei, daher gibt es nach wie vor Menschen in Schutzanzügen, aber dieses Mal mit einem schrecklich künstlichen Hintergrund. Glitzerpumps. Die gleichen Protagonisten trafen sich in der Glitzerwelt. Man richtet es sich ein. Was genau soll man denn sonst tun?

Interessant waren die Reaktionen auf die Bilder. Das Setting wurde nicht hinterfragt. Was sollen bittschön Menschen in Schutzanzug im Bild? Diese Frage ist beantwortet, eindeutig, selbst wenn sie in einer Glitzerwelt leben. Und: während ich vor Corona gefragt worden wäre, woher ich den Glitzerpumps habe, wurde jetzt erschreckt festgestellt, dass die Frau mit Einkaufswagen so exotische Artikel wie TOILETTENPAPIER im Wagen hat. Viel davon, DIE hat das!

Ganz offensichtlich hat Corona, ein unsichtbares Virus, unsere Wahrnehmung verändert und ich bin sicher, auf sehr lange Sicht. Dinge rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die vorher unter der Wahrnehmungsschwelle lagen. Dinge, die zum Alltäglichen, Gewöhnlichen gehörten, werden zu Objekten der Begierde und zu Besonderem. Ausgefallenes und Exotisches, Glitzer, werden zu nettem, aber belanglosem Beiwerk. Das ist nicht das erste Mal übrigens, dass sich Wahrnehmungen verschieben. Häuser und Flugzeuge zusammen auf einem Bild sind ein weiteres Beispiel.

Ich bin sicher diese Verschiebung in der Wahrnehmung wird lange anhalten, genauso so, wie das Bild des Coronoavirus, dass in vielen Fotos und ganz besonders in Miniwelten auftaucht, sich im kollektiven Gedächtnis festsetzen wird. Es wird auf viele Jahre das Bild sein, das wir von uns von einem Virus machen. Dabei gibt es viele verschieden aussehende Viren. Und: es ist kein Foto! Es ist Artwork, ein – sehr gelungenes – Kunstprodukt. Es ist eine Auftragsarbeit von Künstlern, die dem Feind ein Gesicht geben sollten. Das Bild ist frei verfügbar , daher hat es Eingang in die Medien gefunden und wird sich so einbrennen in das kollektive Gedächtnis.

Unsichtbares verändert unseren visuellen Kontext der Welt. Das wird die Fotografie auf lange Jahre prägen!

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Fabian Haas
Zur Person
Seit fast 10 Jahren arbeitet Fabian Haas als professioneller Fotograf in Leipzig, Hamburg und Kiel. Seine Hauptbereiche sind Architektur und Eventfotografie, vom kleinen Literaturmeetings bis zu mehrtägigen Firmentreffen. Zum Repertoire gehören selbstverständlich Portraits. Die Fotografie führte ihn auch zurück nach Ostafrika, wo er mehrere Jahre lebte, und worüber er zwei Bücher publizierte. In seinen freien Arbeiten widmet er sich Details, konstruiert Geschichten und arbeitet immer wieder gerne mit Autoren zusammen.
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