Wie verändert Corona unsere Mobilitätswelt? Eine Branche zwischen Angst, Vermutungen und Hoffnung

„Was macht die Covid-19-Pandemie mit der Mobilitätsbranche, wenn wir kaum noch mobil sein können, wollen und sollen? Wie verändert das langfristig die Einstellung und das Verhalten der Verbraucher zu einzelnen Verkehrsmitteln? Dazu gibt es weder erprobte Theorien noch vorgefertigte Antworten. Doch es gibt uns die Chance, gemeinsam neue Lösungen zu finden!“ - Eines unserer #expertstatements von Marinela Potor.

#expertstatements Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Ehrlichkeit zuerst: Niemand weiß ganz genau, wie Corona unsere Mobilität beeinflussen wird. Es gibt viele Zukunftsszenarien, Projektionen, Hoffnungen und noch mehr Fragen. Genau das macht die Entwicklung der Mobilitätsbranche – die sich auch ohne Coronavirus bereits mitten im Umbruch befand – derzeit besonders spannend.

  • Gibt es bald keinen Pendlerstau und Feierabendverkehr mehr, weil viele Unternehmen verstärkt auf Homeoffice umstellen und weniger Menschen zur Arbeit fahren?
  • Erlebt das E-Bike einen riesigen Boom, weil Menschen es im Lockdown als sicheres, entspanntes und angenehmes Transportmittel erlebt haben?
  • Werden wir bald nur noch in leeren Bussen und Bahnen fahren?
  • Oder gewinnt das Auto als persönlicher Schutzraum eine ganz neue Bedeutung?
  • Ersetzt die Bahn das Flugzeug oder andersherum?

Es gibt viele Fragen und kaum Antworten. Klar ist nur: Corona hat unseren Bewegungsradius eingeschränkt und persönlichen Raum neu definiert. Und das verändert jetzt schon unsere Mobilität.

Von Pop-up-Radwegen und Autos als Schutzpanzer

In Berlin tauchen über Nacht Pop-up-Radwege auf.

Die kolumbianische Hauptstadt Bogotá hat spontan 117 Kilometer an Autospuren in Fahrradwege umfunktioniert – damit Menschen nicht mehr eng gedrängt im ÖPNV fahren müssen.

Teile der Brüsseler Innenstadt werden plötzlich zur verkehrsberuhigten Zone, in der nun Radfahrer und Fußgänger Vorrang vor Autos haben.

Das Mobilitätsverhalten der Menschen und Städte hat sich also schon verändert und die Zahlen spiegeln das wider.

Nach einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Automobil-Club e.V. (ADAC) hat sich der Anteil der Personen in Deutschland, die täglich pendeln, von 66 Prozent auf 32 Prozent halbiert. Die Zahl der Pendler in öffentlichen Transportmitteln hat sich fast halbiert.

Auch geteilte Mobilität wie Car- oder Ridesharing ist im Abwärtstrend. Carsharing-Fahrzeuge, vor der Krise vielerorts Mangelware, stehen nun unbesetzt herum. Zu groß ist die Angst davor, dass andere Fahrer die Hygienemaßnahmen nicht einhalten.

Es fahren weniger Busse und Autos, dafür sind mehr Menschen zu Fuß oder per Rad und E-Bike unterwegs. Das mag gut für die Luftqualität in Städten sein. Doch die Automobilbranche stürzt dadurch in die Krise.

Hoffnungsschimmer Elektroautos

Die Autoneuzulassungen in Deutschland sind laut Kraftfahrt-Bundesamt im März 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 37,7 Prozent eingebrochen.

Interessant ist dabei, dass gleichzeitig der Anteil der verkauften Elektroautos gestiegen ist. Batteriebetriebene Fahrzeuge legten im März 2020 um 56,1 Prozent zu. Die Zulassungszahlen von Plug-in-Hybriden verdreifachten sich sogar.

Doch sind das dauerhafte Veränderungen?

Die Zukunft der Mobilität: Zwei Szenarien

Mobilitätsforscher Stefan Gössling kann sich das zumindest fürs Fahrradfahren gut vorstellen . Hier zeigen Studien aus der Vergangenheit: Wer einmal aufs Rad umsteigt, bleibt sehr häufig dabei – weil man sich sehr schnell körperlich und mental besser fühlt als beispielsweise nach einer Fahrt in einer vollen U-Bahn.

Gleichzeitig ist es möglich, dass Städte und Bewohner die derzeit guten Luftwerte zu schätzen lernen – und darum dauerhaft durch neue Mobilitätsmodelle als Alternative zum Autoverkehr verankern werden.

Das ist aber nur ein mögliches Szenario.

Genauso wahrscheinlich ist es, dass viele Menschen den PKW neu entdecken. Gerade in Krisenzeiten scheint das eigene Auto ein idealer Schutzpanzer gegen viele Gefahren – auch gegen ein bedrohliches Virus.

Und wie sieht es aus mit geteilter Mobilität? Unklar! Es ist denkbar, dass Ridesharing-Anbebote für viele nun eine bessere Alternative zum öffentlichen Transport sind. In Zeiten von Social Distancing mag es attraktiver sein, in einem Shuttle mit maximal acht Personen zu fahren als in einer U-Bahn mit hunderten von Mitfahrern.

Schließlich ist auch die Zukunft der Luftfahrt-Branche momentan ein großes Fragezeichen.

Der Flugplan der Lufthansa ist derzeit auf dem Niveau von 1955. Bleiben die Ölpreise aber weiter niedrig, könnten Tickets nach der Krise günstiger und attraktiver werden. Doch werden Menschen sofort wieder verreisen – wenn sie dafür stundenlang in einem Flughafen mit vielen Menschen sein müssen? Unsicher.

Was können wir also von der Zukunft der Mobilität erwarten?

Kommen nun mehr Radwege, höhere Priorität für Fußgänger und der Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln im Nah- und Fernverkehr – die dafür das Auto und das Flugzeug verdrängen?

Oder steigt der Stellenwert des Autos, das wiederum öffentliche und geteilte Verkehrsmittel sowie die Mikromobilität ersetzt?

Werden sich gar die Auto- und Reisebranche komplett neu erfinden (müssen)?

Eindeutige Antworten gibt es nicht. Klar ist nur: Die Mobilitätswelt wird sich verändern – und durch Corona vielleicht sogar anders und stärker als bislang angenommen.

Wie immer bei großen Veränderungen: Damit sind Risiken und Verluste verbunden, aber auch neue Möglichkeiten.

Ich bin gespannt!

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Marinela Potor
Zur Person
Marinela Potor ist freie Journalistin und pendelt seit 2010 regelmäßig zwischen Deutschland, Kolumbien und den USA. Als jemand, der dadurch selbst sehr mobil ist, schreibt sie über „bewegte“ Themen wie New Mobility, Digitalisierung und Arbeit 4.0. Seit 2016 ist sie Mitgründerin und Chefredakteurin des Onlinemagazins Mobility Mag. Bei NIMIRUM ist sie Teil unseres Mobility-Hubs
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