Corona-Pandemie in Lateinamerika: Gesundheitskrise durch soziale Ungleichheiten

„In Lateinamerika verschärfen sich soziale Ungleichheiten und die Gesundheitskrise gegenseitig, auch weil Anti-Corona-Maßnahmen die soziale Realität der Bevölkerung nicht anerkennen. Die Krise legt die bestehenden Ungleichheiten offen und macht die Notwendigkeit struktureller Reformen deutlich.“ Eines unserer #expertstatements von Dr. Mona Nikolić.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Während die Infektionszahlen in Europa zurückgehen, entwickelt sich Lateinamerika immer stärker zu einem Epizentrum der aktuellen Covid-19-Pandemie. Nach den USA verzeichnet Brasilien die zweithöchsten Zahlen an SARS-CoV-2-Infektionen und Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19. Am Samstag (20.06.2020) wurde nach offiziellen Angaben des brasilianischen Gesundheitsministeriums die 1-Mio-Marke an Infektionen überschritten, die Zahl der Toten lag bei ca. 50.000. Auch Peru (244.388 Infektionen, 7.461 Todesfälle, nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität vom 20.06.2020), Chile (231.393 Infektionen, 4.093 Todesfälle) und Mexiko (170.485 Infektionen, 20.394 Todesfälle) zählen inzwischen zu den Ländern mit den meisten Infektionen weltweit. Und das, obwohl meist wenig getestet wird und die offiziellen Zahlen nur einen Bruchteil der eigentlichen Todesfälle und Ansteckungen widerspiegeln.

Die Frage nach den Gründen, warum sich viele Staaten Lateinamerikas zu neuen Hotspots der Pandemie entwickelten, lässt sich angesichts der Diversität nicht verallgemeinernd beantworten, auch wenn es einige Gemeinsamkeiten gibt. Dass Regierungen die Gefahr durch das Virus leugnen (prominentestes Beispiel ist der brasilianische Präsident Bolsonaro), oder erst spät und zögerlich Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie ergriffen (wie u.a. López Obrador in Mexiko vorgeworfen wird), hat die Ausbreitung begünstigt. Auch die ohnehin meist schlecht ausgestatteten und überlasteten Gesundheitseinrichtungen sind eine Erklärung für die hohen Infektions- und Todeszahlen. Das Beispiel Lateinamerika wird jedoch vor allem die Relevanz des Faktors „soziale Ungleichheiten“ für die Ausbreitung der Pandemie deutlich. Es zeigt, wie sich soziale Ungleichheiten und die Gesundheitskrise wechselseitig verschärfen, wenn bei Maßnahmen gegen die Pandemie den sozialen Ungleichheiten nicht Rechnung getragen und die soziale Realität der Bevölkerungen nicht berücksichtigt wird. Und es veranschaulicht die Notwendigkeit struktureller Reformen zur Bekämpfung der Ungleichheiten, damit die Staaten für zukünftige Pandemien besser gewappnet sind.

Lateinamerika ist wie keine andere Region weltweit durch soziale Ungleichheit geprägt. Armut, Gewalt, Machismo, Mangelernährung, eine Zwei-Klassenmedizin, eine hohe Anzahl an informell Beschäftigten, schlechte Regierungsführung und soziale und politische Konflikte beherrschten schon vor der Corona-Krise das Leben eines Großteils der Menschen auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Die Pandemie legt die bestehenden Ungleichheiten nun offen. Bezeichnenderweise begann die Pandemie in Ländern wie Brasilien oder Chile als eine Pandemie der „Reichen“ und des „Jetsets“. Die ersten Infektionen wurden bei Angehörigen der sozialen Oberschicht festgestellt, die zuvor in Europa Urlaub gemacht hatten. Die ersten Todesopfer waren deren Hausangestellte, die sich aufgrund mangelnder Schutzmaßnahmen im Haushalt angesteckt hatten. Und das Virus breitete sich in den Armenvierteln aus.

Auch in Lateinamerika ist die Covid-19-Pandemie aktuell v.a. eine Krise der Armen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen. In Brasilien sterben z.B. Afrobrasilianer*innen mindestens viermal häufiger an Covid-19. Auch in Mexiko sind die Todesfälle in den Armenvierteln überproportional häufig, eine Tatsache, die auch mit den ohnehin schlechten Lebensbedingungen und den Vorerkrankungen erklärt wird. Besonders unter der armen Bevölkerung sind Übergewicht und Diabetes verbreitet, d.h. Risikofaktoren für einen schweren Verlauf der Erkrankung.

Verschärft wird die Gesundheitskrise in Lateinamerika dabei durch Lockdown-Maßnahmen, die den sozialen Ungleichheiten und der Lebensrealität der Mehrheit der Bevölkerung nicht Rechnung tragen. Am deutlichsten wird dies aktuell am Beispiel Peru. Anders als Brasilien oder Mexiko reagierte die peruanische Regierung sehr früh. Am 15. März wurden die Außengrenzen geschlossen, dann folgten eine der striktesten Ausgangssperren und der Lockdown. Nur systemrelevante Berufsgruppen durften arbeiten. Andere Menschen durften ihr Haus nur allein und nur für wichtige Besorgungen verlassen, u.a. zum Einkaufen. Und Frauen und Männer durften nur nach Tagen getrennt auf die Straße. Doch die Infektionszahlen stiegen, das Virus breitete sich aus.

Dieser, oft als „peruanisches Paradox“ bezeichnete, Umstand liegt darin begründet, dass in den Maßnahmen die soziale Realität der peruanischen Bevölkerung nicht berücksichtigt wurde:

  • Die Lockdown-Maßnahmen vernachlässigten z.B. die Tatsache, dass fast die Hälfte der peruanischen Haushalte nicht über einen Kühlschrank verfügt sowie die Tatsache, dass die Lebensmittelbeschaffung und Kochen vorrangig von Frauen geleistet werden. Durch die Ausgangssperren nach Geschlecht waren Märkte an den Tagen, an denen Frauen das Haus verlassen durften, überfüllt und entwickelten sich zu Infektionsherden. Zwischen 50% und 80% der Marktverkäufer*innen waren infiziert und verbreiteten das Virus weiter.
  • In Hinblick auf die staatlichen Soforthilfen, die die Peruaner*innen unterstützen sollten, die in der Folge des Lockdowns ihre Arbeit und Lebensgrundlage verloren hatten, wurde vernachlässigt, dass nur 38% der Peruaner*innen über Bankkonten verfügen. Vor den Banken bildeten sich lange Schlangen, in denen sich das Virus weiter verbreiten konnte.
  • Zudem führte der Lockdown zu einer Stadtflucht. In der Vergangenheit herrschte eher eine Landflucht, die Menschen kamen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt. Da sie nun durch den Lockdown ihre (oft informelle) Arbeit verloren hatten und da zudem auch Gemeinschaftsunterkünfte und Armenküchen geschlossen wurden, blieb ihnen keine andere Wahl, als in ihre Dörfer zurück zu kehren. Sie brachten das Virus vom Hotspot Lima mit aufs Land.

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Nicht die „Unverantwortlichkeit“ der peruanischen Bevölkerung, wie aus konservativen Kreisen beklagt wurde, sondern Maßnahmen, die als Teil der Lösung gedacht waren, fachten so das Infektionsgeschehen in Peru weiter an.

Die fehlende Berücksichtigung der sozialen Ungleichheiten gefährdet die Einhaltung und den Erfolg der Anti-Corona-Maßnahmen. Denn besonders für die sozialbenachteiligten Bevölkerungen in Lateinamerika stellen aktuell oft nicht nur das Virus, sondern auch die Lockdown-Maßnahmen eine Gefahr dar.

  • Frauenrechtsorganisationen warnten z.B. schon zu Beginn der Ausgangssperren vor den Folgen, dem Anstieg an häuslicher Gewalt und Frauenmorden. In Mexiko starben nach Angaben von Frauenrechtsorganisationen bis Mitte April 2020 490 Frauen durch Feminizide. Nur 122 starben in diesem Zeitraum offiziell an Covid-19. Ein solcher Vergleich ist natürlich unzulässig, allein schon aufgrund der Unzuverlässigkeit der Angaben zu SARS-CoV-2-Infektionen (und der Zahlen der Frauenmorde) in Mexiko und es Zeitpunkts des Vergleichs. Der Anstieg der Zahl der Feminizide in Lateinamerika während des Lockdowns ist jedoch nicht zu leugnen.
  • Ebenfalls dramatisch gestaltet sich die Lage derjenigen, die vor der Krise im informellen Sektor beschäftigt waren. Je nach Land arbeiten 40 – 70% der Bevölkerung im informellen Sektor, d.h. auch, ohne jegliche Absicherung. Durch den Lockdown verloren die Arbeiter*innen des informellen Sektors von heute auf morgen ihre Lebensgrundlage. In Peru arbeiteten vor der Krise ca. 70% der Bevölkerung im informellen Sektor. Aber auch hunderttausende, die bisher formal angestellt waren, verloren durch die Krise ihre Jobs. Soforthilfen, die z.B. in Peru zur Unterstützung der Ärmsten gedacht waren, reichen angesichts der stark angestiegenen Zahl der Bedürftigen nicht mehr aus.

Um die Ernährung und Versorgung ihrer Familien zu sichern, bleibt vielen letztendlich keine andere Wahl, als gegen Lockdown-Maßnahmen und Ausgangssperren zu verstoßen und, falls möglich, wieder arbeiten zu gehen. Und wenn zudem die offizielle Kommunikation über die Gefahr des Virus Verwirrung stiftet (wie in Brasilien und Mexiko), erscheint die Gefahr einer Ansteckung als das, im Vergleich zu Lockdown und Hunger, geringere Übel.

Im Kontext Lateinamerika wird deutlich, dass Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sich nicht auf die reine Einschränkung des Infektionsgeschehens beschränken dürfen. Sie müssen die sozialen Ungleichheiten berücksichtigen und die Folgen der Pandemie sowie des Lockdowns für die Bevölkerung mitbedenken, um erfolgreich zu sein. Lockdown-Maßnahmen, die die soziale Wirklichkeit nicht berücksichtigen können ebenso wie das Virus eine Gefahr für das Überleben der Bevölkerung darstellen. Sie verschärfen die Ungleichheiten und die sozialen und politischen Krisen.

Schon jetzt zeichnen sich diese Folgen der Pandemie in Lateinamerika ab:

  • Nicht nur die Arbeitslosigkeit stieg in Folge der Krise. Da formale Anstellungen wegfallen, wird auch die Zahl informeller Beschäftigungsverhältnisse zunehmen. In Mexiko stieg die Zahl der Arbeitslosen aufgrund der Krise um 12,5 Mio. Besonders Kleinunternehmer reduzierten wegen der Krise die Zahl ihrer Angestellten, von 22,8 Mio. auf 13,7 Mio., wie eine Befragung des Nationalen Instituts für Statistik und Geografie ergab. Für Peru rechnet man mit einem Anstieg um 4,2 Mio., bzw. auf eine Arbeitslosenquote von ca. 23%. Zudem könnte die Zahl informeller Beschäftigungsverhältnisse auf über 80% ansteigen.
  • Die UN-Wirtschaftskommission warnt, dass infolge der Pandemie etwa ein Drittel der lateinamerikanischen Bevölkerung unter die Armutsgrenze fallen wird. Das World Food Programme warnt in diesem Zusammenhang vor eine Hungerpandemie, die auf die Covid-19-Pandemie in Lateinamerika folgen wird.
  • Hinzu kommt wachsender Unmut über die Regierungen, der sich u.a. in den wiedererstarkten Protesten gegen die Regierungen zeigt. In den meisten lateinamerikanischen Staaten sanken das ohnehin schon geringe Vertrauen in und die Zustimmung zu den Regierungen während der Pandemie weiter.
  • Wo der Staat in der Pandemie versagt, besetzen andere das Vakuum. In Mexiko weiten Drogenkartelle ihren Einfluss aus, indem sie die lokale Bevölkerung durch Lebensmittellieferungen unterstützen. In den brasilianischen Favelas managen Drogengangs die Gesundheitskrise und festigen ihre Macht. Nicht nur in Peru, sondern auch die anderen Ländern Lateinamerikas wird als Konsequenz der Pandemie der Ruf nach strukturellen Reformen lauter. Die Pandemie könnte zu einer Chance werden, Maßnahmen umzusetzen, die die soziale Ungleichheit, die Informalität und auch die infrastrukturellen Probleme angehen. So könnten die Folgen der Pandemie abgeschwächt werden und den Staaten wäre es möglich, einer Pandemie in Zukunft effektiver zu begegnen. Inwieweit Regierungen willens und fähig sind, diese Maßnahmen umzusetzen ist jedoch fraglich.

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Mona Nikolić
Zur Person
Mona Nikolić ist Kulturanthropologin und Expertin für Lateinamerika. Sie promovierte am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin und arbeitet zu den thematischen Schwerpunkten Ernährung und Konsumverhalten, insbesondere im Zusammenhang mit dem Aspekt der Konstruktion von Identitäten, sowie zu den Themen Transnationalismus, Kulturelle Globalisierung und Global-Lokal-Beziehungen im Bereich der Alltagskultur.
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