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„Danach dauerte es nicht lange, da war die Frage der Mobilität eine Frage des Lebensstils.“


Das allererste Auto in meinem Leben war wahrscheinlich ein Spielzeugauto, denn das erste Bild, das in meiner Erinnerung auftaucht, ist ein Blick aus dem Kinderwagen heraus, den meine Großmutter schiebt. Da ist die Straße, da sind Menschen und Häuser, aber Autos kommen in diesem Bild nicht vor. In unserem Dorf gab es zu der Zeit noch keine.

Doch dann kam es in unsere Familie – es war eine Riesenerrungenschaft, es ging aufwärts mit der Republik. Ich war acht und im Wachstum begriffen. Man kam raus aus dem Dorf. Man fuhr ins Ausland in den Urlaub mit dem Auto. Autos kriegten einen Namen. (z. B. Daisy …)

Dann wurde ich erwachsen und ohne Auto gab es gar keine guten Jobs, oder man brauchte mindestens einen Führerschein, um Taxis zu fahren, oder auch im Zivildienst einen „Sanka“.

Danach dauerte es nicht lange, da war die Frage der Mobilität eine Frage des Lebensstils.

Urlaub ging damals irgendwie immer. Man trampte, fuhr mit Freunden mit oder man nahm Freunde mit im ersten „richtigen“ Auto, einem Fiat 500. Mit dem ging es zu zweit und mit Zelt nach Südfrankreich. Ich hatte es für 300 Mark meiner Tante abgekauft. Wenn man gerade Abi gemacht hat, musste man sparen. Aber im eigenen ersten Auto, da wird eine Bindung aufgebaut. Die Erlebnisse in diesem Raumfahrzeug hinterlassen anhaltende Spuren. Der Mitfahrer, ein vergeistigter Abi-Kumpel, taufte unser Gefährt „Bouncer“. Wie unzutreffend dieser Name war, konnte ich nicht feststellen, denn da es noch kein Google gab, erschloss sich mir nicht, dass das Modell Bouncer etwas war, was man heute eher als SUV bezeichnen würde. Ich musste der Begründung vertrauen, die er dafür angab: Wegen der Farbe und wegen der Kraft, dem Ton des 18-PS-Motors im Heck. Verehrung also für die gebändigte Flamme in Gestalt des Otto Motors.

Zum Bordwerkzeug gehörten Bücher – z. B. Enzensberger – besonders die Gedichtesammlung. Die war genauso so weiß wie das Auto. Autos und die Aufkleber drauf gehörten zum Lebensstil des zornigen jungen Mannes der Endsiebziger – 1979 – der Kontext: Szenekneipe und Politisierung, anarchistisch und verwirrt und entschieden gegen Krieg, Atomkraft, und zu viel von allem. Wir glaubten an Small is Beautiful und waren befeuert von Sanfter Energie, von Sonne und Wind. Aber eher theoretisch und literarisch im Zugang. Dazu gehörten Bakunin, Homo Consumens und Alt-68er Empfehlungsliteratur. Joschka Enzensberger und Kerouac Epigonen, Drogenerfahrungsliteratur und Lyrik.

Der Gedichtband „Widerworte“ stammte aus der Stadtbibliothek, auf das Buch musste geachtet werden. Es war daher immer am Mann und wurde so auch nicht in Südfrankreich gestohlen, wie Teile der Reisekasse. Das war gut, denn mit Enzensberger war auch ein solcher Verlust aufzuhegeln, und wir hatten nur das Geld in Franks Geldbeutel, nicht aber unsere Papiere verloren – die waren durchsucht und ordentlich neben die geleerte Geldbörse gelegt worden. So war das damals. Diebe mit Rücksicht, sie erkannten, dafür bekommen wir nix. Um dieses zu erkennen, sich darüber nicht die Urlaubslaune stehlen zu lassen, dafür waren die „Widerworte“ gut. Politisch war der Diebstahl eigentlich korrekt, weniger schlimm als Vietnam und der US-Imperialismus und die Dummheit bundesdeutscher Passanten: „Hör’nsemer doch auf mit ihrem Scheiß-Vietnam, fällt euch nix anderes ein nach Prag?“ (Einmarsch der Sowjetunion und Ende des Prager Frühlings). Das zwischen den Gedichten. Großartig. Was brauchten wir Geld? Wir hatten vorher noch getankt und es war logisch, dass nun Südfrankreich verlassen und sich auf den Weg zum Atlantik aufgemacht wurde. Ans Meer. Subito. Und durch die ganze Nacht hindurch mit einem Plan. Aber ohne Navi. Mit vorlesen der Gedichte blieb der Fahrer wach, auch nach dem Fahrerwechsel, der alle 2 Stunden vollzogen wurde. Route National bei Nacht. Enge Straßen. Dann: Halluzination wegen Übermüdung. Einer nicht existierenden Kuh auf der Straße ausweichend im Gras landen. Unverletzt. Aber mit Schaden an der Benzinleitung, wie sehr viel später bemerkt werden sollte. Weiter gings. Dann irgendwann die Ile d’Oleron. Ende von Frankreich. Links und rechts Meer. Nur wegen Enzensberger und dessen Sprache. So war das. Mit 18 PS. Ohne Angst. Mit knapp 20. Enzensberger heute 90. Das Auto verschrottet. Frank? Keine Ahnung. Aber die Sprache bleibt immer gleich alt oder jung.

In meinen Autos liegen immer Bücher herum, und ich schleppe auch immer welche am Mann mit mir. Auch im selbstständigen Außendienst. (Das war dann natürlich kein Fiat 500 mehr.) Wenn ich allein unterwegs bin, sind mir die Bücher ein Labsal im Stau. Ich war viel allein unterwegs. In der Zeit im Außendienst und später als Verkehrssoziologe in Diensten des Automobilclubs von Deutschland (AvD). Aus meinen Reisekostenabrechnungen geht hervor, welche Summen so im Jahr dafür draufgehen, nur dafür, dass man das Auto legal irgendwo abstellen kann, bzw. wenn das nicht mehr möglich war und man Strafzettel und Abschleppgebühren zahlen muss. Irgendwann fällt einem sowas auf, wenn man sich hauptberuflich mit dem Auto als Wirtschaftsfaktor und als universales Identifikationsvehikel zu beschäftigen hat. Tests habe ich mitgemacht, wie schnell man wirklich braucht, um von A nach B zu kommen – nicht nur im Vergleich zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln wie Bahn/Auto/Flugzeug, sondern auch je nach Fahrweise. Spoiler: Die Endgeschwindigkeit bringt einen nicht so viel schneller ans Ziel, dass es sich lohnen würde, die damit einhergehenden Stressfaktoren in Kauf zu nehmen.

Meine Mobilitätsbiografie ist auch eine Geschichte der Distanzierung vom Auto als Lebensmittelpunkt. Unabdingbar dafür ist das Leben in einem gut erschlossenen Ballungsraum, also weg aus der Dorfidylle, und die seit zehn Jahren gelebte Selbstständigkeit im Home Office. Ein Auto besitze ich nicht mehr, sondern ich plane meine Verkehrsmittelnutzung je nach Bedarf.

Mobilität ist nach wie vor ein ganz wichtiges Element in unserem Zusammenleben, aber das Auto als Alleinherrscher hat abgedankt. Doch die Bindung an das Auto, als durchlässiger Schutzpanzer für das Wohlbefinden bei der Raumüberwindung – sie kommt aus Kindheits- und Jugenderfahrungen, und allmählich komme ich in das Alter, in dem ich mich immer besser an meine Kindheit erinnere als an das, was gestern war. Ich bin und bleibe Young- und Oldtimer-Fan.

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