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„Autofahren ist so sinnvoll wie Schokolade.“


Autofahren können ist eine Kompetenz, die ich gerne besitze. Zwischen dem kreischenden Ich hinterm Lenkrad (das Auto fährt mit mir) und der flotten Fahrerin von heute liegt mehr als ein Jahrzehnt. Aber ich komme aus einer Familie der Spät-, Selten- oder Nie-Fahrer. Einer Familie, in der ich den Makel des Nicht-Fahren-Könnens genauso überwinden wollte wie manch andere Unvollkommenheiten (Nicht-Karriere etwa). Deshalb ist das Auto auch ein Vehikel meiner emanzipatorischen Lebensäußerungen. Es fällt mir daher etwas schwer, auf die nächste Emanzipationswelle aufzuspringen. Das eigene Auto mit Verbrennungsmotor ist heutzutage ja so sexy ist wie der schwadronierende Onkel auf einer Familienfeier.

Es ist auch eine Frage der Treue: In den zeitgequetschten, ätzend hektischen Jahre als Mutter von Kindern unter 12, gar als “Single working Mom”, war mein eigenes Auto eine rollende Mauer gegen den latent drohenden Nervenzusammenbruch. Ich habe sogar in Zeiten, in denen ich mir eigentlich gar kein Auto leisten konnte, eines besessen, weil der nahtlose Anschluss von A nach B eins der wenigen zuverlässigen Gesetze war, auf das ich bauen konnte. Ja, Baustellen. Ja, Parkplätze. Ja, Innenstadtverkehr. Trotzdem konnte ich da hinter meinem Lenkrad sitzen, die Kindergarten-Kinder ihre Brötchen zerbröseln, der Abend um mich herabdämmern, der Verkehr um mich tosen, und es herrschte Frieden. Mein kleiner Kosmos. Mein Kontrollgebiet. Mein mobiles Heim. Wenigstens auf der Straße, auf dem Weg von A nach B, kannte ich das Ziel.

Mein Lenkrad kennt mich singend, schreiend, weinend, lachend, telefonierend (mit Freisprechanlage), fluchend. In harten Zeiten habe ich auch schon mit meinem Lenkrad diskutiert, Reden geübt oder die unzähligen Romananfänge erzählt, die mir so durch den Kopf gehen (irgendwann …!). Mein Auto müffelt leicht, wahrscheinlich wegen vieler vertrockneter Soßen auf der Rückbank, aber einen Duftbaum finde ich fast so schlimm wie eine von Gehäkeltem eingerahmte Klorolle auf der Heckablage. Es ist der Duft vergangener Tage, der mich umgibt, wenn ich einsteige, während der Wirbel eines alleinerziehenden Karrierelebens mit Kindern unter 12 sich in getupfte Wolken aufzulösen beginnt. Neues Assoziationsfeld: Ein Ausflug ins Grüne, spontaner Wochenendtrip. Dafür bräuchte man aber eher ein Cabrio.

Ich bin - Familientradition - ein Mondeo-Fahrer, ein tolles Auto für No-Logo-Konsumenten, die große Kofferräume für ihr Leben brauchen und einen soliden Motor. Ich fahre völlig übermotorisiert (6 Zylinder, eine hohe Anzahl von PS, die ich gerade aber vergessen habe), weil ich das Auto von meinem Vater übernommen habe. Der hat eine ganz eigene Mobilitätsbiographie mit Autos (ich verletze ihn nicht, wenn ich schreibe, dass ein Autokauf bedeutet, sein eigenes Ich aufzumotzen, und dass er sich, Route 66-mäßig, gerne heimlich einen großen Amischlitten kaufen würde mit absurd hohem Spritverbrauch, obwohl er mal eine grüne Ortsgruppe mitgegründet hat). Es gehört auch zur Geschichte, dass ich keine Zündkerze von einem Keilriemen unterscheiden kann, obwohl beides schon mal ausgetauscht worden ist. Einen Sechs-Zylinder fahren, aber zwei Jahre brauchen, bis man versteht, wie die Motorhaube aufgeht - der Moment, wenn beim Gegenüber aus großen Augen rollende werden.

Wenn ich mich mit Autoliebhabern vergleiche, schneide ich wirklich sehr schlecht ab. Ich behandle mein Auto schlecht (putze es zu selten, fahre zu rasant und zu kurze Strecken, gebe es nur fürs Nötige in die Werkstatt etc.), weiß nichts über seine Spezifika (nur die 6 Zylinder, das merk ich mir, denn damit kann ich fast alle Autoliebhaber kurz ärgern). Ich liebe meinen Mondeo als Packesel, der ohne zu murren drei Wochen leere Sprudelkästen durch die Gegend gefahren hat, Pommes mitgegegessen und sich mein Wehklagen über die Unfähigkeit der Welt im Allgemeinen und Speziellen angehört. Es ist eine Liebesgeschichte. Aber wenn mein Vehikel nun auseinanderfiele?

Ich glaube, dann wärs das erstmal mit uns. Also zumindest mit einem Auto, das die Umwelt verschmutzt (Ich verschweige an dieser Stelle, WIE viel Sprit der Sechs-Zylinder schluckt, Drohbriefe sind nicht unwahrscheinlich). Die Kinder sind Teenager und gewohnt, das Familien keine Auto haben; ehrlich gesagt, sind sie wesentlich lässiger als ich, wenn es um das Thema geht. Die abnehmende Lebenshektik macht eine ethische Entscheidung wesentlich einfacher (auch interessant!). Ich nutze das Auto jetzt oft aus reiner Gewohnheit - und kann dann beobachten, wie meine flotte Fahrerin, die einen mobilen Raum nur für sich in Anspruch nehmen möchte, und meine innere Ethikkomission in Konflikt geraten. Es gibt keinen guten Grund für mich, kein Car Sharing zu machen. Die meiste Zeit, das ist die Ironie meiner ganzen Autofahrgeschichte, nutze ich das Auto auf die dämlichste Art und Weise: im Stadtverkehr! Und auch da hauptsächlich wegen schlechten Zeitmanagements (der Bus fährt alle 20 Minuten und das mit dem Fahrrad - aaah, lange Geschichte). Meine schlechte Gewohnheit des automobilen Individualisten trennen mich von der Hyperrealität. Autofahren ist so sinnvoll wie Schokolade. Aber noch rollt das Auto tapfer und erspart mir den Moment der Wahrheit.

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