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„Autofahren wurde nicht zur Freiheit, sondern zum Zwang. “


Mein Verhältnis zum Auto hat sich über die Jahre stark geändert. Mein erstes Auto war für mich, in einem 9.000-Seelen-Dorf, tatsächlich ein Stück Freiheit. Endlich war ich nicht mehr an den furchtbar getakteten Bus gebunden oder davon abhängig, wie meine Eltern mich gerade von A nach B fahren konnten. Auch verkürzten sich Strecken, die bislang eine Stunde Zeit in Anspruch genommen hatten, auf 15 Minuten Fahrt. Mein Auto wurde damit zum wichtigsten Transportmittel und dadurch auch gleichzeitig zum geliebten Freizeitgefährt. Oft fuhren wir mit Freunden auch einfach nur durch die Gegend, weil wir es konnten. Auf dem Land stand der eigene PKW, so klein und alt er auch war, für Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Entsprechend emotional war das Verhältnis zum Auto, es hatte sogar einen Namen,

All das änderte sich jedoch abrupt, sobald ich mit meinem Auto zum Studieren in eine andere Stadt zog. Hier gab es plötzlich Alternativen, regelmäßige Busse, haufenweise Zugverbindungen und Nachttaxen für Studenten. Mit dem Fahrrad kam man außerdem sehr viel schneller an als mit dem Auto. Autofahren dagegen war nervig und stressig. Man stand im Stau, der Verkehr war anstrengend und man musste ewig nach einem Parkplatz suchen und Parken war teuer. So wurde mein geliebtes Auto plötzlich unpraktisch und zum reinen Nutzgegenstand: für den wöchentlichen Einkauf oder den gelegentlichen Ausflug aufs Land.

Das hat mein Verhältnis zum Auto nachhaltig verändert. Was ich auf dem Dorf als Befreiung gesehen hatte, engte mich plötzlich ein. Autofahren wurde nicht zur Freiheit, sondern zum Zwang. Aus dem “Jetzt darf ich Autofahren” wurde ein “Ach nein, jetzt MUSS ich wieder Autofahren.” Immer wenn ich konnte, wählte ich meinen Wohnort und Standort so, dass ich so wenig wie möglich im Auto unterwegs sein musste. Fahrrad fahren, zu Fuß gehen oder in den ÖPNV steigen und NICHT ans Auto gebunden sein - DAS wurde plötzlich für mich zur Freiheit. So ist es nicht verwunderlich, dass ich irgendwann mein Auto verkauft habe und mich ein wenig wie Hans im Glück tatsächlich ohne Autobesitz sehr viel freier fühle.

In den USA, wo ich in einem typischen Vorort einer großen Stadt im Mittleren Westen lebe, merke ich besonders, wie sehr sich meine Einstellung zum PKW verändert hat. Hier komme ich ohne Auto nicht einmal zum nächsten Supermarkt und alles ist lediglich für Autos gebaut. Zu Fuß gehen ist möglich, wenn man kein Problem damit hat, eine vierspurige Schnellstraße ohne Bürgersteig entlang zu laufen und sich böse Blicke einzufangen. Busse sind umständlich und kompliziert - auch wenn ich tatsächlich Bus fahre, wenn es irgendwie geht und dabei von aller Welt für verrückt erklärt werde, weil sie eben so unpraktisch sind. Doch für mich ist Autofahren einfach nervig, frustrierend und ein übles Muss. Wenn ich als Homeoffice-Arbeiterin mal die Uhrzeit vergesse oder es aus Termingründen nicht anders geht und ich im Feierabend-Stau lande, ist das für mich die größte Qual. Ich fühle mich eingesperrt in dieser Box und ich sehe, wie frustriert und aggressiv Autofahrer sind, die dem jeden Tag ausgesetzt sind. Warum tun sich das einige Menschen sogar freiwillig an? Auf der Suche nach einer neuen Wohnung ist die “Gehbarkeit” der Nachbarschaft und die Anbindung an den ÖPNV tatsächlich einer der wichtigsten Punkte für mich, da ich mich durch die Abhängigkeit vom Auto extrem eingeengt und eingeschränkt fühle. Auto ist Freiheit? Für mich schon lange nicht mehr!

Mein ideales Auto ist das, das ich nicht besitzen muss (mit allem, was an Kosten und Aufwand damit einhergeht), sondern mir - bei Bedarf - ausleihen und dann wieder abgeben kann.

Fahrrad fahren bedeutet für mich absolute Freiheit. Der Wind um die Ohren, das selbstbestimmte Tempo und im Feierabendverkehr auch irgendwo die Schadenfreude, wenn ich an allen Autos vorbei düse, die im Stau stehen. Tatsächlich liebe ich auch, wie das Fahrrad gleichzeitig so simpel und so genial ist.

Es nimmt nicht viel Platz weg, es ist handlich, braucht keine aufwendige Wartung, als Fahrer brauche ich keine besondere Ausrüstung oder Technologie, um es zu betreiben, ich muss keinen Kredit aufnehmen oder eine Finanzierung planen, um es mir leisten zu können und gleichzeitig ist kleine Drahtgestell in der Stadt meist das schnellste Verkehrsmittel. Man kommt überall durch, ist schnell und braucht sich auch um Parkplätze nie Sorgen zu machen. Ich möchte mal eben zum Supermarkt? Fahrrad! Die Fahrt zum Sport? Fahrrad! Abdends Freunde besuchen? Fahrrad! Am Wochenende einen Ausflug unternehmen? Fahrrad!

Ich fühle mich auch nicht schuldig, wenn ich etwas Motorunterstützung bekomme, weil genau dieser Mechanismus es mir erlaubt, Fahrrad statt Auto zu fahren. Ja, auch das ist mir wichtig. Im Auto habe ich ein schlechtes (Umwelt-)Gewissen, auf dem Fahrrad dagegen fühle ich mich der Natur sehr viel mehr verbunden. Ja, der Regen. Ja, die zerzausten Haare. Ja, das Schwitzen im Sommer. Ich kenne all diese Argumente und auch, wenn ich diese “widrigen Umstände” in der Realität sehr selten so extrem erlebt habe, wie viele sie sich vorstellen, gibt es natürlich auch für mich Situationen, in denen ich auf eine Alternative ausweiche. Nein, beim wichtigen Interview-Termin möchte ich weder mit Sturmfrisur noch Öl am Hosenbein auflaufen. Für weite Fahrten steige ich sicherlich auch in den Zug und natürlich würde ich mir wünschen, dass die Fahrradwege besser ausgebaut werden, damit ich noch besser damit herumkomme. Doch für 80 Prozent aller Wege ist mein Fahrrad mein zuverlässiger Begleiter und das Freiheitsgefühl, die Unabhängigkeit und die Flexibilität, die es mir gibt, hat bislang noch kein anderes Transportmittel überbieten können.

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