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England lieben? #59 – 26/09/2018

»Ist England überhaupt ein Land? Wer regiert es? Und woraus besteht es? Die Sache ist so kompliziert, dass sie uns ordnungsliebende Deutsche in den Wahnsinn treibt und daher liebenswert ist.« So versucht Christophe Fricker zu erklären, warum er auch nach dem Brexit in England bleiben will. Herausgekommen ist ein Buch mit 111 Gründen England zu lieben.

Dachten wir doch, wir könnten die Engländer verstehen: Sie treten keinem zu nahe, haben einen feinen Humor, trinken erst mal eine Tasse Tee und kriegen die Sache dann schon hin, weil sie gewieft und kompromissbereit sind. So sahen wir das, und manch ein Schüleraustausch in Brighton, eine Rosamunde-Pilcher­Tetralogie im ZDF und ein Blick auf die schrullige Harmlosigkeit selbst eines Prinz Philip haben uns in dieser Auffassung bestärkt. Doch dann kam der 23. Juni 2016, und als wir am Morgen des 24. aufwachten, hatte die Teekanne einen Sprung. In seiner Brexit-Panik stellte der »Spiegel« die entscheidende Frage: »Muss Schweinsteiger England verlassen?« 17 Millionen hatten gegen die EU gestimmt, 16 dafür. Von 55 Millionen. Aber das reicht für den Austritt, denn Mehrheit ist Mehrheit. Seit dem Brexit-Referendum wird man als Deutscher, der in England lebt, also ständig gefragt, wie es denn so ist. Wie es jetzt weitergeht, und was man davon hält, und überhaupt, wie England so ist. Wie man’s findet. Manche EU-27er geben in der Krise auf und gehen zurück in ihre Heimatländer oder anderswohin. Ich will das nicht. Ich möchte in England bleiben. Und wer in England bleiben will, so habe ich mir gedacht, der muss auch sagen können, warum. Was er an England eigentlich so liebt. Das habe ich versucht. Ich habe ein verwegenes Buch geschrieben über 111 Gründe, England zu lieben. Mit Einblicken in kleine Eigenheiten und Ausblicken auf große Landschaften, habe mich mit dem Abwegigen und dem Ausgefallenen beschäftigt, habe aber auch einen aktuellen Blick auf die mainstreamigen Nationalheiligtümer gewagt, denn was wäre England ohne Pubs, Wembley und den National Trust? Herausgekommen ist eine Liebeserklärung für unsichere Zeiten! Weiter unten folgen noch ein paar Auszüge, als kleiner Appetithappen. Mehr Infos gibt es auf der Webseite des Verlags. Bestellbar ist das Buch bei jeder Buchhandlung und online. Ich würde mich freuen, wenn meine 111 Gründe Sie oder die Anglophilen in Ihrem Umfeld ansprechen!

Christophe Fricker
111 Gründe, England zu lieben

Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt. ca. 288 Seiten | Premium-Paperback mit zwei farbigen Bildteilen

Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf
ISBN 978-3-86265-714-8
14,99 EUR (D)

»Die BBC organisierte einmal einen Wettbewerb, bei dem die Hörer England in fünf Wörtern zusammenfassen sollten, und diese Frage gewann: ›Sorry, is this the queue?‹ Die Frage ist so wunderbar ausdrucksstark, weil sie gleich zwei englische Nationalsymbole in sich vereinigt – neben dem Anstehen auch noch die Entschuldigung. Sorry sagen ist für die Gesellschaft das, was das Atmen für den Körper ist. Es geht nicht ohne, es tut gut, und man sollte nie damit aufhören. Recht nah an jemandem vorbeigegangen? Sorry. Nicht ganz sicher, wie Sie ein Gespräch anfangen sollen? Sorry ... Finden Sie etwas, wofür Sie sich entschuldigen können. Muss nichts Schlimmes oder Sinnvolles sein. Aber der Gesprächsanfang ist gemacht.«

»Humor ist die kurze gegenseitige Anerkennung der Tatsache, dass der andere ein Mensch ist – und man selbst auch. Einmütigkeit unter Fremden – das kann schiefgehen, wenn man über das Falsche witzelt. Die Wahl der Mittel und des Gegenstandes ist sorgfältig zu treffen. Am besten ist eine ironische Bemerkung über die eigene Kurzsichtigkeit, über einen Irrtum, den man gerade begangen hat oder beinahe begangen hätte. Im Idealfall kann man sich dann gleich noch für etwas entschuldigen. Ziel der Aktion: Spannung aus einer sozialen Situation nehmen, die sonst durch betretenes Schweigen bestimmt würde. Awkwardness heißt die große Angst des Engländers – die Peinlichkeit, die aus der möglichen oder tatsächlichen Verletzung sozialer Grenzen erwächst. Und Humor ist das Mittel dagegen.«

»Viele Deutsche beschweren sich darüber, dass es in englischen Wohnungen zieht, dass der Wasserdruck nicht stimmt, dass die Wände irgendwie feucht sind, und sie halten die Engländer daher für irgendwie minderbemittelt (oder masochistisch oder fatalistisch). Sehen Sie es aber mal so: Der Mangel an Perfektionswillen, gepaart mit gutem Geschmack, ist genau das, was Tradition und Gemütlichkeit vermitteln kann. Sie erleben ein Haus gerade dann als einen besonderen Schutzraum, wenn Sie den Andrang der Elemente – durch Ritzen und Flächen – gerade noch spüren, und nicht, wenn Sie sich völlig davon abschotten. Umso schöner machen Sie es sich dann. Im englischen Wohnzimmer stehen zwei Sofas einander gegenüber, und zwar helle Möbel vor dunkleren Wänden, nicht umgekehrt. Statt des Blockadetisches dazwischen stehen zierliche Tischchen neben den Sofas. Platz für die Teetasse und für eine Lampe, mit der man nicht indirekt über die Wände den Raum erhellt, sondern Lichtinseln schafft, indem man den Lampenarm nach unten richtet. Ein Kamin gehört immer dazu, selbst wenn es eine Attrappe ist.«

»Ist England überhaupt ein Land? Wer regiert es? Und woraus besteht es? Die Sache ist so kompliziert, dass sie uns ordnungsliebende Deutsche in den Wahnsinn treibt und daher liebenswert ist.«